Dr. Senckenbergische Stiftung

Die Institute - Botanischer Garten Frankfurt am Main

1763 leg­te Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­berg auf sei­nem Stif­tungs­ge­län­de den ers­ten Gar­ten für Me­di­zi­nal- und Heilpflan­zen so­wie hei­mi­sche Flo­ra an. Platz­man­gel und die Ver­le­gung al­ler Sen­cken­ber­gi­schen In­sti­tu­te führ­ten 1907 zum Um­zug in die Nach­bar­schaft des Pal­men­gar­tens. Dort wur­de der Gar­ten 1914 Teil der neu ge­grün­de­ten Uni­ver­si­tät. Ab 1936 wech­sel­te der Bo­ta­ni­sche Gar­ten auf ein Teil­stück des Grü­ne­burg­parks, sei­nem heu­ti­gen Stand­ort, wei­ter­hin in un­mit­tel­ba­rer Nähe zum Pal­men­gar­ten. Wirt­schaft­li­che Er­wä­gun­gen sei­tens der Uni­ver­si­tät und der Um­zug des Fach­be­reichs Bio­wis­sen­schaf­ten an den Cam­pus Ried­berg führ­ten zur Über­nah­me des Bo­ta­ni­schen Gar­tens durch die Stadt Frank­furt im Jahr 2012. Zu Eh­ren Sen­cken­bergs ent­stand 2007 zu sei­nem 300. Ge­burts­tag im öst­li­chen Teil ein neu an­ge­leg­ter Arzn­ei­mit­tel­gar­ten.

Hes­si­sche Wald­ge­sell­schaf­ten und die Schw­an­hei­mer Sand­dü­ne

"Vor al­lem wol­len wir den Men­schen ganz im Sin­ne un­se­res Ur­va­ters Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­berg die ein­hei­mi­schen Pflan­zen­ge­sell­schaf­ten prä­sen­tie­ren", be­sch­reibt Dipl.-Ing. Man­f­red Wes­sel, der Lei­ter des Bo­ta­ni­schen Gar­tens, die Grund­i­dee der ein­drucks­vol­len An­la­ge. Sen­cken­berg hat­te einst ver­fügt, der Gar­ten "soll nicht aus vie­len exoti­cis be­ste­hen ... Plan­tae Ger­ma­niae in­di­ge­nae sind mein Haupt­merk und sol­che die ei­ne glei­che Zo­nam und Cli­ma zur Ge­burths-Stät­ten ha­ben und un­se­re ae­ram aquas und lo­cos ver­tra­gen kön­nen." Und ge­nau das setzt Man­f­red Wes­sel mit sei­nem Team auch heu­te noch um.

Wäh­rend im be­nach­bar­ten Pal­men­gar­ten Tro­pen­ge­wäch­se und an­de­re Exo­ten be­wun­dert wer­den kön­nen, setzt er ganz auf Land­schaf­ten mit Ma­ger­ra­sen aus der Wet­terau, er prä­sen­tiert den Be­su­chern Bio­to­pe ähn­lich der Schw­an­hei­mer Bin­nen­dü­ne mit ih­rer Pflan­zen­welt, hes­si­sche Wald­ge­sell­schaf­ten so­wie den hei­mi­schen Basalt­bach mit ori­gi­nal Stei­ner­de aus Un­ter-Wid­ders­heim. "Wir kau­fen kei­ne Er­de im Gar­ten­cen­ter, bei uns ist al­les aus der ech­ten Re­gi­on", be­tont Wes­sel. Echt sind auch die Pro­zes­se der Na­tur vom Ver­fall zur Ent­ste­hung neu­en Le­bens. "Ganz be­son­ders ein­drucks­voll sind die Ent­wick­lungs­zy­k­len ei­ner Trau­er­wei­de an un­se­rem Teich, die nach ei­nem not­wen­di­gen Rück­schnitt vor 15 Jah­ren lang­sam ge­s­tor­ben ist", be­rich­tet Man­f­red Wes­sel. "Zu­erst zo­gen ganz ver­schie­de­ne In­sek­ten ein, dann ka­men Hor­nis­sen, die wie­der­um von Kä­fern ab­ge­löst wur­den. Sch­ließ­lich ent­wi­ckel­ten sich Pil­ze, be­vor der Baum dann 2012 um­fiel. Wir las­sen ihn lie­gen und kön­nen be­o­b­ach­ten, wie sich Brenn­nes­seln an­sie­deln und das gan­ze öko­lo­gi­sche Sys­tem des Bau­mes ge­mein­sam wert­vol­le Nähr­stof­fe für die Ent­ste­hung des nächs­ten Le­bens pro­du­ziert."

Der Senckenbergische Arzneimittelgarten
Bernd Ro­se­lieb
Der Sen­cken­ber­gi­sche Arzn­ei­mit­tel­gar­ten

Arzn­ei­mit­telpflan­zen in Reih und Glied

Ein der­art ganz­heit­li­ches Den­ken war auch Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­berg nicht fremd, als er in der Mit­te des 18. Jahr­hun­derts den Vor­läu­fer des Bo­ta­ni­schen Gar­tens an­leg­te. Der Frank­fur­ter Stadt­arzt sah die Pflan­zen als ele­men­ta­ren Be­stand­teil ei­ner er­folg­rei­chen Ge­sund­heits­ver­sor­gung. Ih­nen kam die Auf­ga­be zu, auf na­tür­li­che Wei­se zur Ge­ne­sung der Men­schen bei­zu­tra­gen. Auf dem Ge­län­de sei­ner Stif­tung zwi­schen der Stifts- und der Bleich­stra­ße di­rekt am Eschen­hei­mer Turm leg­te er auf ei­nem Hektar Arzn­ei­mit­telpflan­zen an, die strikt in Reih und Glied an­ge­ord­net wa­ren. Aus Platz­grün­den wur­de der Gar­ten 1907 dann in die Nähe des Pal­men­gar­tens ver­legt. Die Fläche wur­de ver­dop­pelt, so dass auch erst­mals Pflan­zen nach öko­lo­gi­schen Prin­zi­pi­en an­ge­ord­net wer­den konn­ten. 1914 brach­te die Dr. Sen­cken­ber­gi­sche Stif­tung den Gar­ten in die Stif­tungs-Uni­ver­si­tät ein. In den fol­gen­den Jahr­zehn­ten wur­den mehr und mehr die heu­te ty­pi­schen geo­gra­phi­schen Zu­sam­men­hän­ge der Pflan­zen­welt ab­ge­bil­det.

Vor al­lem die wach­sen­den Be­dürf­nis­se der uni­ver­si­tä­ren For­schung er­for­der­ten ei­ne wei­te­re Ver­grö­ße­rung der An­la­gen, die durch den Um­zug an den nord­west­li­chen Rand des Grü­ne­burg­parks, dem heu­ti­gen Stand­ort, mög­lich wur­de.

Über­nah­me durch die Stadt

Der zwei­te Welt­krieg und die an­sch­lie­ßen­de ame­ri­ka­ni­sche Be­set­zung ver­zö­ger­ten sei­ne Fer­tig­stel­lung bis in die 1960er-Jah­re. In den fol­gen­den Jah­ren ent­wi­ckel­te sich auch wie­der ei­ne aus­drück­li­che Arzn­eipflan­zen­ab­tei­lung, die zur Fei­er des 300. Ge­burts­ta­ges von Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­berg 2007 zu ei­nem Arzn­ei­mit­tel­gar­ten aus­ge­baut wur­de. Durch die wei­te­re Ent­wick­lung der Uni­ver­si­tät mit der Ver­la­ge­rung der Bio­lo­gi­schen In­sti­tu­te an den Cam­pus Ried­berg stand die Zu­kunft des Bo­ta­ni­schen Gar­tens ei­ni­ge Zeit in­fra­ge. Erst die Ablö­sung von der Uni­ver­si­tät und die Über­nah­me der An­la­ge durch die Stadt Frank­furt 2012 ret­te­ten den Gar­ten vor der Sch­lie­ßung.

Manfred Wessel, Leiter des Botanischen Gartens an einem beliebten Fotomotiv, dem asiatischen Urweltmammutbaum
Bernd Ro­se­lieb
Man­f­red Wes­sel, Lei­ter des Bo­ta­ni­schen Gar­tens an ei­nem
be­lieb­ten Fo­to­mo­tiv, dem asia­ti­schen Ur­welt­mam­mut­baum

"Ich wei­ß“, schmun­zelt Man­f­red Wes­sel, "Sen­cken­berg wür­de sich ver­mut­lich jetzt im Gr­ab um­dre­hen, woll­te er doch auf kei­nen Fall, dass ir­gend­ein Teil sei­ner Stif­tung un­ter städ­ti­schen Ein­fluss ge­ra­ten soll­te. Er hat­te da­mals mit der Frank­fur­ter Ad­mi­ni­s­t­ra­ti­on sehr sch­lech­te Er­fah­run­gen ge­macht. Ich bin der Stadt da­ge­gen sehr dank­bar, denn sie er­mög­licht uns nun, sein Werk ge­zielt fort­zu­set­zen."

Part­ner­schaft mit dem Pal­men­gar­ten

Gro­ße Un­ter­stüt­zung er­fah­ren Man­f­red Wes­sel und sein Team seit zwölf Jah­ren vom Freun­des­kreis des Bo­ta­ni­schen Gar­tens. „Den Vor­sitz hat Prof. Dr. Chris­ti­an Win­ter, der als ehe­ma­li­ger Vi­ze­prä­si­dent der Uni­ver­si­tät die An­for­de­run­gen ei­ner wis­sen­schaft­lich ori­en­tier­ten An­la­ge sehr gut kennt und un­se­re An­sät­ze för­dert. Wir sind froh um die Un­ter­stüt­zung der mitt­ler­wei­le 460 Mit­g­lie­der“, freut sich Man­f­red Wes­sel. Auch der Di­rek­tor des Pal­men­gar­tens, dem zwi­schen­zeit­lich der Bo­ta­ni­sche Gar­ten or­ga­ni­sa­to­risch an­ge­g­lie­dert ist, Dr. Mat­thias Jen­ny, ist Mit­g­lied im Vor­stand des Freun­des­k­rei­ses. “Die­se her­vor­ra­gen­de Part­ner­schaft mit un­se­rem Nach­barn tut uns gut. Wir ge­hö­ren zum Pal­men­gar­ten, oh­ne un­se­re Ei­gen­stän­dig­keit zu ver­lie­ren. Wir sol­len kei­ne Tou­ris­tenat­trak­tio­nen prä­sen­tie­ren, für die wir dann Ein­tritts­gel­der von den Be­su­chern ver­lan­gen müss­ten. So kön­nen wir jetzt und in der Zu­kunft der an­ge­st­reb­te Lehr­gar­ten für al­le in­ter­es­sier­ten Bür­ger sein. Und das ist gut so.“ Ver­mut­lich hät­te sich Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­berg an­ge­sichts die­ser Vor­tei­le mit der Si­tua­ti­on aus­ge­söhnt; nicht zu­letzt, weil die heu­ti­gen Be­t­rei­ber sei­ne Ide­en nicht aus den Au­gen ver­lie­ren. Ne­ben dem fest in­stal­lier­ten Arzn­ei­mit­tel­gar­ten er­in­nern zahl­rei­che Ver­an­stal­tun­gen im Ju­bi­läums­jahr 2013 an sein Wir­ken. Im Mit­tel­punkt ste­hen na­tür­lich die Arz­nei­pflan­zen und ei­ne Son­der­aus­stel­lung mit Füh­run­gen ‚Vom Hor­tus me­di­cus zum Bo­ta­ni­schen Gar­ten der Stadt‘. In ei­ner Auf­füh­rung in his­to­ri­schen Ge­wän­dern be­such­ten gar der Grün­der selbst und sei­ne Frau den Gar­ten. Ver­mut­lich wa­ren sie be­ein­druckt.