Dr. Senckenbergische Stiftung

Der Stifter

„Ein red­li­cher Bür­ger und treu­er Arz­t“
Der Frank­fur­ter Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­berg 1707-1772

Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­berg soll­te in die Fuß­stap­fen sei­nes Va­ters, des Frank­fur­ter Stadt­arz­tes Jo­hann Hart­mann Sen­cken­berg, tre­ten. Für Sen­cken­bergs El­tern war der be­ruf­li­che Wer­de­gang ih­res am 28. Fe­bruar 1707 zur Welt ge­brach­ten Zweit­ge­bo­re­nen vor­be­stimmt. Um ein Haar hät­te je­doch der gro­ße „Chris­ten­bran­d“, bei dem im Ju­ni 1719 ein gan­zes Stadt­vier­tel mit rund 400 Häu­s­ern, dar­un­ter auch das Wohn­haus der Fa­mi­lie Sen­cken­berg in der Ha­sen­gas­se, ein Raub der Flam­men ge­wor­den war, die aka­de­mi­sche Aus­bil­dung Jo­hann Chris­ti­ans zum Me­di­zi­ner ve­r­ei­telt.

We­gen des kost­spie­li­gen Wie­der­auf­baus des Fa­mi­li­en­do­mi­zils muss­te Jo­hann Hart­mann Sen­cken­berg im Ok­tober 1723 beim Rat um ein Sti­pen­di­um für sei­nen Sohn nach­su­chen. Das vom Rat be­wil­lig­te Sti­pen­di­um konn­te erst ab 1730 in An­spruch ge­nom­men wer­den, da der fi­nan­zi­el­le Kraf­t­akt des Wie­der­auf­baus die Im­ma­tri­ku­la­ti­on Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­bergs wei­ter ver­zö­ger­te.

Johann Christian Senckenberg, den Doktorring am kleinen Finger der rechten Hand. Gemälde von Friedrich Ludwig Hauck, 1748
Se­bas­ti­an Krupp
Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­berg,
den Dok­tor­ring am klei­nen Fin­ger der rech­ten Hand
Ge­mäl­de von Fried­rich Lud­wig Hauck, 1748

Im fort­ge­schrit­te­nen Al­ter von 23 Jah­ren nahm Sen­cken­berg im April 1730 an der Uni­ver­si­tät Hal­le das Me­di­zin­stu­di­um auf. Vol­ler Elan hör­te der Erst­se­mes­ter Vor­le­sun­gen in Me­di­zin und in Bo­ta­nik, die sein­er­zeit noch ei­ne me­di­zi­ni­sche Hilfs­wis­sen­schaft dar­s­tell­te. In theo­lo­gi­sche Au­s­ein­an­der­set­zun­gen an der Al­ma Ma­ter ver­s­trickt, muss­te Sen­cken­berg im Ju­li 1731 das Stu­di­um un­ver­rich­te­ter Din­ge ab­b­re­chen. Der Lu­the­ra­ner war in jun­gen Jah­ren von dem das Staats­kir­chen­tum ab­leh­nen­den evan­ge­li­schen Theo­lo­gen und Se­pa­ra­tis­ten Jo­hann Kon­rad Dip­pel be­ein­druckt und stand mit Pie­tis­ten, In­spi­ra­ti­ons­ge­mein­den und Her­ren­hu­tern in Ver­bin­dung.

Tief re­li­gi­ös, ver­zich­te­te Sen­cken­berg als ein „Christ au­ßer­halb der Kir­che“ auf Got­tes­di­enst und Abend­mahl und ge­riet in den Ruf, ein Son­der­ling zu sein. Im April 1732 kehr­te Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­berg nach Frank­furt zu­rück und zog wie­der in das El­tern­haus in der Ha­sen­gas­se. Mit Hil­fe sei­nes äl­te­ren Bru­ders Hein­rich Chris­ti­an hol­te Sen­cken­berg 1737 in Göt­tin­gen die Pro­mo­ti­on zum Dok­tor der Me­di­zin nach. Die Dis­ser­ta­ti­on han­del­te „Über die Heil­kraft der Bee­ren des Maiglöck­chens.“ Im Be­sitz der of­fi­zi­el­len Zu­las­sung als Arzt in Frank­furt folg­te Sen­cken­berg dem vä­t­er­li­chen Vor­bild und en­ga­gier­te sich als Stadt­arzt für das Ge­sund­heits­we­sen.

Johann Christian Senckenberg. Gemälde von Anton Wilhelm Tischbein, 1772
Se­bas­ti­an Krupp
Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­berg
Ge­mäl­de von An­ton Wil­helm Tisch­bein, 1772

Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­berg war ein ge­frag­ter Arzt, dem das Wohl sei­ner Pa­ti­en­ten sehr am Her­zen lag. Der from­me Me­di­cus mach­te in sei­ner Pra­xis kei­nen Un­ter­schied zwi­schen ar­men und rei­chen Kran­ken. Bei der Be­hand­lung setz­te Sen­cken­berg auf Alt­be­währ­tes, in­dem er Diät­kost, reich­li­ches Trin­ken von Was­ser, kör­per­li­che Be­we­gung und ge­le­gent­li­ches zur Ader las­sen ver­ord­ne­te. Arz­nei­mit­tel ver­schrieb Sen­cken­berg nur mit Be­dacht. „Die Aerz­te“, for­der­te

Sen­cken­berg, „müs­sen im ei­ge­nen In­ter­es­se ih­re Kran­ken durch ei­ne zweck­mä­ß­i­ge Diät wie­der her­s­tel­len, nicht aber an ih­nen die Apo­the­ker reich ma­chen“. Sen­cken­berg ging mit gu­tem Bei­spiel voran, nahm nur klei­ne Mahl­zei­ten zu sich, trank viel Was­ser und ge­neh­mig­te sich höchs­tens zu ganz be­son­de­ren An­läs­sen ein Glas Wein. Haus­be­su­che er­le­dig­te der As­ket am liebs­ten zu Fuß. In ei­nem hand­schrift­li­chen Nach­ruf auf sei­nen On­kel er­in­ner­te sich Re­na­tus von Sen­cken­berg an ei­nen ge­mein­sa­men Abend­spa­zier­gang, bei dem der 65-jäh­ri­ge nach ei­nem lan­gen Ar­beits­tag ein so ho­hes Tem­po vor­leg­te, dass er mit ihm kaum Schritt hal­ten konn­te.

Re­na­tus be­schrieb den in die Jah­re ge­kom­me­nen Va­ters­bru­der als klein und un­ter­setzt, aber „feu­rig von Au­gen, und in al­lem sei­nem Thun übe­r­aus leb­haft.“ Dank Re­na­tus von Sen­cken­bergs Cha­rak­ter­stu­die ist über­lie­fert, dass der ernst­haf­te Wohl­tä­ter Sen­cken­berg ein hu­mor­vol­ler Ge­spräch­s­part­ner sein konn­te: „Im Um­gang war er sehr mun­ter, vol­ler An­ek­do­ten, und manch­mahl recht wit­zi­ger Ein­fäl­le, da­bei auch offt sta­che­licht, im­mer aber für den der von ihm ler­nen woll­te sehr lehr­reich. Letz­te­res zu sein ward ihm da­durch leicht, weil er würck­lich ei­ner der ge­lehr­tes­ten Män­ner sei­ner Zeit war, wenn er schon in sei­nem gan­zen Le­ben mehr durch Tha­ten als durch Schrif­ten zu wür­cken sich be­st­reb­te.“

Die 1742 ge­sch­los­se­ne Ehe mit der be­tuch­ten Ju­we­lier­s­toch­ter Jo­h­an­na Re­bec­ca Rie­se wur­de zu Sen­cken­bergs glück­lichs­tem Le­bens­ab­schnitt. Als Nach­bars­kin­der auf­ge­wach­sen, kann­ten sich die Ehe­leu­te von klein auf. Der jun­ge Va­ter war un­tröst­lich, als Jo­h­an­na Re­bec­ca am 26. Ok­tober 1743 ei­ne Wo­che nach der Ge­burt ei­ner Toch­ter am Kind­bett­fie­ber ver­starb. Das Töch­ter­chen An­na Mar­ga­re­the über­leb­te die Mut­ter nur um zwei Jah­re. Das Er­be der ers­ten Ehe­frau bil­de­te ne­ben Sen­cken­bergs ärzt­li­chen Ein­künf­ten den Grund­stock für das spä­te­re Stif­tungs­ver­mö­gen. Wohl auch zur Ver­sor­gung des Kin­des hat­te der Wit­wer nach Ablauf des Trau­er­jahrs im De­zem­ber 1744 mit Katha­ri­na Re­bec­ca Met­tingh, ei­ner Freun­din sei­ner ver­s­tor­be­nen Frau, zum zwei­ten Mal den Bund der Ehe ge­sch­los­sen. Aber auch die zwei­te Gat­tin ver­starb En­de 1747 an den Spät­fol­gen ei­ner Ge­burt. Der im Ju­ni 1747 ent­bun­de­ne Sohn war schon mit drei­ein­halb Mo­na­ten an Tu­ber­ku­lo­se ver­schie­den.

Nach die­sen trau­ri­gen Er­eig­nis­sen wag­te es Sen­cken­berg 1754 noch ein­mal, in den Stand der Ehe zu tre­ten und hei­ra­te­te die Wit­we An­to­net­ta Eli­sa­be­tha Rup­recht. Bei­de Ehe­part­ner be­reu­ten schon bald die­sen Schritt und leb­ten seit Ju­ni 1756 ge­t­rennt von­ein­an­der. Sen­cken­bergs drit­te Ehe­frau starb am 13. Sep­tem­ber 1756, nach­dem er sie als Arzt bis zu­letzt be­han­delt hat­te. Die Ge­dan­ken des 49-jäh­ri­gen mehr­fa­chen Wit­wers kreis­ten for­tan ver­stärkt um die Grün­dung ei­ner Stif­tung zur He­bung des Frank­fur­ter Me­di­zi­nal­we­sens. Der ver­mö­gen­de Arzt rief 1763 ei­ne Stif­tung zur Ver­bes­se­rung des Frank­fur­ter Ge­sund­heits­we­sens ins Le­ben und er­warb hier­für am Eschers­hei­mer Tor ein rund drei Hektar gro­ßes Grund­stück.

Nach Er­in­ne­rung und nach der To­ten­mas­ke pos­t­hum
ge­zeich­ne­tes Brust­bild im Pro­fil von Jo­hann Hein­rich Wi­cker, 1772

Die Zeich­nung gilt als ei­ne der zu­tref­fends­ten Dar­stel­lun­gen
von Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­bergs Aus­se­hen.

In ei­nem der glück­lichs­ten Mo­men­te sei­nes Le­bens ließ Sen­cken­berg am 15. No­vem­ber 1772 vom Uhr­türm­chen des Bür­ger­ho­spi­tals den Blick über das Stif­tungs­ge­län­de mit Wohn- und Stifts­haus, Ana­to­mie­ge­bäu­de, me­di­zi­ni­schem Gar­ten und Ge­wächs­haus schwei­fen, als das Schick­sal sei­nen Lauf nahm: Der Bau­herr stürz­te von dem Ge­rüst des Uhr­türm­chens in die Tie­fe, wo­bei er sich ei­ne töd­li­che Hals­wir­bel­säu­len­frak­tur zu­zog.

Als Nef­fe und Te­s­ta­ments­voll­st­re­cker küm­mer­te sich Re­na­tus um die von Sen­cken­berg be­reits zu Leb­zei­ten bis ins De­tail ge­re­gel­te Bei­set­zung. Sen­cken­berg hat­te aus dem grü­nen Braut­k­leid der ers­ten Ehe­frau ein Ster­be­hemd schnei­dern las­sen und ei­nen nach sei­nen Wün­schen ge­zim­mer­ten Sarg er­wor­ben. Auf der von dem Ver­s­tor­be­nen selbst ver­fass­ten latei­ni­schen Gra­b­in­schrift muss­te nur noch das Ster­be­da­tum ein­ge­tra­gen wer­den, sie lau­tet über­setzt: „Gott dem All­mäch­ti­gen zu Eh­ren. In die­sem Gr­a­be liegt ver­wah­ret der ir­di­sche Leib Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­bergs, der in sei­nem Le­ben, durch die Gü­te des er­bar­men­den Got­tes, ein red­li­cher Bür­ger und treu­er Arzt ge­we­sen ist, der die Er­de für den Ort der Ver­ban­nung, den Him­mel aber für sein Va­ter­land ge­hal­ten hat, da­hin er freu­dig zu­rück ge­kehrt ist, als er durch ei­nen sanf­ten Tod die Frei­heit er­hielt, Im Jahr MDC­CLX­XII den XV. No­vem­ber, Ge­bo­ren MDC­CVII den XX­VIII. Fe­bruar. Ler­ne zu ster­ben wäh­rend du lebst: So hast du durch den Tod das Le­ben er­wor­ben; denn nur der wird ge­krönt, der über­win­det.“