Dr. Senckenbergische Stiftung

Die Stiftung

„Zum all­ge­mei­nen Wohl­seyn hie­si­ger Ein­woh­ner“
Kur­ze Ge­schich­te der Dr. Sen­cken­ber­gi­schen Stif­tung

Un­ter dem 10. No­vem­ber 1746 no­tier­te Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­berg auf ei­nem „Ta­ge­buch­zet­tel“, dass er erst­mals mit ei­nem be­f­reun­de­ten Arzt über die Idee ei­ner Stif­tung zur He­bung des Frank­fur­ter Ge­sund­heits­we­sens ge­spro­chen ha­be. In dem Vierau­gen­ge­spräch weih­te Sen­cken­berg den Kol­le­gen Chri­s­tof Le Cerf in sei­ne Plä­ne ein, das er­erb­te El­tern­haus an der Ha­sen­gas­se und ei­ne grö­ße­re Geld­sum­me „zum all­ge­mei­nen Wohl­seyn hie­si­ger Ein­woh­ner“ zu stif­ten. Spä­tes­tens seit je­nem Sonn­ta­g­a­bend im No­vem­ber 1746 hat­te Sen­cken­bergs Le­ben ein Ziel.

In dem am 18. Au­gust 1763 aus­ge­fer­tig­ten Haupt­s­tif­tungs­brief nann­te Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­berg die „Lie­be zu mei­nem Va­ter­lan­d“ so­wie das Feh­len leib­li­cher Er­ben als Be­weg­grün­de, sein ge­sam­tes Ver­mö­gen zu stif­ten. Der Haupt­zweck der Stif­tung war auf die „bes­se­re Ge­sund­heits-Pf­le­ge hie­si­ger Ein­woh­ner, und Ver­sor­gung der ar­men Kran­ken ge­rich­tet.“

Der Stif­ter setz­te ein von den pro­te­s­tan­ti­schen Ärz­ten Frank­furts noch zu bil­den­des Col­le­gi­um me­di­cum als Er­ben ein und be­stimm­te die vier Stad­t­ärz­te zu Te­s­ta­ments­voll­st­re­ckern. Die Zin­sen des 95.000 Gul­den be­tra­gen­den Stif­tungs­ka­pi­tals muss­ten zu zwei Drit­teln zur För­de­rung der Heil­kun­de ver­wandt wer­den und di­en­ten zu­nächst al­lein der Un­ter­hal­tung des zum Stifts­ge­bäu­de um­ge­wid­me­ten Wohn­hau­ses Sen­cken­bergs mit Bi­b­lio­thek und Samm­lun­gen.

Ti­tel­blatt der ge­druck­ten Stif­tungs­brie­fe, 1770

Im Stifts­haus an der Ha­sen­gas­se soll­te sich das Col­le­gi­um me­di­cum min­des­tens ein­mal im Mo­nat ein­fin­den, um zu be­ra­ten, „was zu bes­se­rer Au­s­u­e­bung der hie­si­gen Ge­sund­heits-Pf­le­ge und Ver­sor­gung ar­mer Kran­ker er­for­der­lich seyn moeg­te.“ So­bald über den Ver­kauf des zen­tral ge­le­ge­nen Stifts­hau­ses der Er­werb ei­nes mehr zum Stadtrand hin ori­en­tier­ten Ge­bäu­des mit Gar­ten­ge­län­de fi­nan­ziert wer­den konn­te, war auch die Ein­rich­tung ei­ner Ana­to­mie, ei­nes che­mi­schen La­bo­ra­to­ri­ums und ei­nes bo­ta­ni­schen Gar­tens mit Ge­wächs­haus in Be­tracht zu zie­hen. In­dem Sen­cken­berg der „Wis­sen­schaft ei­nen Tem­pel“ er­rich­te­te, er­öff­ne­te er dem zu­vor auf so­zia­le Be­rei­che fest­ge­leg­ten Stif­tungs­we­sen ein neu­es Be­tä­ti­gungs­feld. Das drit­te Drit­tel der Zin­s­er­trä­ge hat­te Sen­cken­berg zum Bes­ten ar­mer Kran­ker, be­dürf­ti­ger Arzt­wit­wen und -wai­sen so­wie al­ter Ärz­te vor­ge­se­hen. Bis En­de 1765 auf 100.000 Gul­den auf­ge­run­det, ließ Sen­cken­berg das Stif­tungs­ver­mö­gen vom Frank­fur­ter Rechnei­amt ver­wal­ten.

Die dau­er­haf­te Selbst­stän­dig­keit der Stif­tung war des Wohl­tä­ters größ­te Sor­ge. Schon 1752 hat Sen­cken­berg auf ei­nem „Ta­ge­buch­zet­tel“ fest­ge­hal­ten: „Mei­ne Stif­tung soll al­le­zeit se­pa­riert blei­ben und nie­mals ver­mengt mit Stadt­sa­chen, da­mit nicht die Ge­walt dar­über in frem­de Hän­de kom­me, die den heil­sa­men End­zweck ve­r­ei­teln.“ Der Rat fühl­te sich von den am 16. De­zem­ber 1765 auf­ge­setz­ten, das Stif­tungs­ka­pi­tal vor dem Zu­griff der Stadt schüt­zen­den Nach­trä­gen zum Stif­tungs­brief brüs­kiert und be­stä­tig­te die Zu­sät­ze nur wi­der­wil­lig. Die Stif­tung führt seit­her den Na­men „Dr. Sen­cken­ber­gi­sche Stif­tung“ und ein Sie­gel mit dem ei­nen bren­nen­den Berg dar­s­tel­len­den Wap­pen der Fa­mi­lie Sen­cken­berg so­wie die Über­schrift: „Fun­da­tio Sen­cken­ber­gia­na amo­re Pa­triae“ (Sen­cken­ber­gi­sche Stif­tung aus Lie­be zur Va­ter­stadt).

Au­ßer mit die­sen eher for­ma­len Maß­nah­men schob Sen­cken­berg mög­li­chen Be­gehr­lich­kei­ten des Ra­tes ei­nen Rie­gel vor, in­dem er sei­nem Bru­der Hein­rich Chris­ti­an und des­sen männ­li­chen Nach­kom­men Mit­spra­che­rech­te in der mit den vier Stad­t­ärz­ten be­setz­ten Stif­tung­sad­mi­ni­s­t­ra­ti­on über­trug. Nach dem Wil­len des Stif­ters er­sc­höpf­te sich die Mit­wir­kung des Ra­tes in der Ver­wal­tung des Stif­tungs­ka­pi­tals durch das Rechnei­amt und in der Prü­fung der Jah­res­rech­nun­gen. In­halt­lich er­wei­ter­te Sen­cken­berg den Stif­tungs­zweck um ei­nen ganz ent­schei­den­den Aspekt: Die Grün­dung des Bür­ger­ho­spi­tals.

Auf der Su­che nach ei­nem ge­eig­ne­ten Stif­tungs­ge­län­de wur­de Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­berg An­fang 1766 fün­dig und er­warb für 23.000 Gul­den am Eschen­hei­mer Tor ein rund drei Hektar gro­ßes und mit zwei Häu­s­ern be­bau­tes Gar­ten­grund­stück.

La­ge­plan des Stif­tungs­ge­län­des am Eschen­hei­mer Tor
Kup­fer­stich von Jo­hann Hein­rich Wi­cker, 1770

Das an der Eschen­hei­mer Gas­se ge­le­ge­ne Haupt­ge­bäu­de wur­de bis En­de 1767 zum Stifts- und Wohn­haus mit Bi­b­lio­thek, Ver­samm­lungs­raum und che­mi­schen La­bo­ra­to­ri­um um­ge­baut. An der Au­ßen­wand des Nord­flü­gels kam mit ei­ner Son­der­ge­neh­mi­gung des Ra­tes die Gruft des Stif­ters zur Aus­füh­rung. In dem Gr­ab­mal soll­te Sen­cken­berg einst zur letz­ten Ru­he ge­bet­tet wer­den, da er „noch im To­de, we­nigs­tens dem Lei­be nach, bei sei­ner Stif­tung sein wol­le.“ Als Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­berg 1768 in das Stifts­haus am Eschen­hei­mer Tor ein­zog, glich das üb­ri­ge Ge­län­de noch ei­ner Bau­s­tel­le. Kurz hin­te­r­ein­an­der be­gan­nen im Früh­jahr und im Som­mer 1768 die Bau­ar­bei­ten für ein be­heiz­ba­res Ge­wächs­haus und das Thea­trum ana­to­mi­cum.

Der Vor­le­sungs­be­trieb in der viel ge­rühm­ten Ana­to­mie konn­te, nach­dem das Ge­bäu­de voll­stän­dig ein­ge­rich­tet war, 1776 be­gin­nen. Wohl­weis­lich hat­te Sen­cken­berg der Ver­wir­k­li­chung des Me­di­zi­ni­schen In­sti­tuts mit Bi­b­lio­thek, Samm­lun­gen, La­bor, Ana­to­mie und Gar­ten Vor­rang ge­ge­ben: „Wenn der Tod mich über­ra­schen soll­te, ehe mein Werk ganz vol­l­en­det, so wird das Kran­ken­haus nicht da­bei lei­den, aber des­to eher möch­te man ver­ges­sen, dass ich der Wis­sen­schaft ei­nen Tem­pel bau­en woll­te.“ Der Stif­ter Sen­cken­berg griff am frühen Abend des 9. Ju­li 1771 selbst zur Mau­r­er­kel­le, um an der Ecke Hin­ter der Sch­lim­men Mau­er und Rad­gas­se ei­gen­hän­dig den Grund­stein für das Bür­ger­ho­spi­tal zu le­gen. Die Er­öff­nung des Bür­ger­ho­spi­tals hat der Wohl­tä­ter nicht mehr er­lebt. Bei der In­spek­ti­on des ge­ra­de auf dem Nord­flü­gel vol­l­en­de­ten Uhr­türm­chens stürz­te er am 15. No­vem­ber 1772 vom Bau­ge­rüst zu To­de.

An­sicht des Thea­trum ana­to­mi­cum
Ko­lo­rier­ter Kup­fer­stich von Jo­hann Hein­rich Wi­cker, 1770

Sen­cken­bergs Le­bens­werk wirkt bis heu­te fort. Das Bür­ger­ho­spi­tal, das von dem Ve­r­ein Frank­fur­ter Stif­tungs­kran­ken­häu­ser e. V. ge­tra­gen wird, be­fin­det sich nach wie vor im Be­sitz der Dr. Sen­cken­ber­gi­schen Stif­tung. Die an­de­ren In­sti­tu­te sind in die 1914 von der Sen­cken­ber­gi­schen Stif­tung mit­be­grün­de­te Frank­fur­ter Uni­ver­si­tät ein­ge­gan­gen: die „Dr. Sen­cken­ber­gi­sche Ana­to­mie“, das „Sen­cken­ber­gi­sche In­sti­tut für Pa­tho­lo­gie“, das „Bo­ta­ni­sche In­sti­tut mit bo­ta­ni­schem Gar­ten“, die „Sen­cken­ber­gi­sche Bi­b­lio­the­k“ und das 1938 nach­träg­lich ge­grün­de­te „Sen­cken­ber­gi­sche In­sti­tut für Ge­schich­te und Ethik der Me­di­zin“. Mit der Ein­be­zie­hung der Sen­cken­ber­gi­schen In­sti­tu­te in die Uni­ver­si­tät so­wie den 2007 und 2010 der Al­ma Ma­ter ge­s­tif­te­ten In­sti­tu­ten für Neu­roon­ko­lo­gie und Chro­no­me­di­zin hat sich Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­bergs Vi­si­on er­füllt: „Mei­ne Stif­tung“, so der Wohl­tä­ter im Au­gust 1763, „wird von hier aus gu­te Leu­te ma­chen, auch gu­te aus­wär­ti­ge her­bei­füh­ren und hie­si­ge zum Nach­ei­fern brin­gen, mir zur Freu­de, da al­les dar­auf ab­zielt, daß der Stadt in me­di­cis wohl ge­di­ent wer­de.“