Dr. Senckenbergische Stiftung

Die Tagebücher

„Der Sen­cken­berg-Co­de“
Die Ta­ge­bücher Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­bergs

Ta­ge­bücher sind den Sch­rei­bern ein „Ven­til“. Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­berg hat sich in sei­nen von 1743 bis 1772 ver­fass­ten nich­tärzt­li­chen Ta­ge­büchern wie­der­holt über das in sei­nen Au­gen kor­rup­te und un­fähi­ge Frank­fur­ter Stadt­re­gi­ment Luft ge­macht. Ein­ge­denk der Tat­sa­che, dass vor al­lem Un­an­ge­neh­mes von der See­le ge­schrie­ben wird, dür­fen sich nach ei­nem eng­li­schen Sprich­wort die­je­ni­gen glück­lich schät­zen, in de­ren „Dia­ries“ mög­lichst we­nig drin­steht.

Tagebucheintrag Senckenbergs vom 1. Dezember 1762
Bernd Ro­se­lieb
Ta­ge­buch­ein­trag Sen­cken­bergs vom 1. De­zem­ber 1762

Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­berg hat in den Jah­ren von 1730 bis zu sei­nem Ab­le­ben 1772 ein Ta­ge­buch von 55 Bän­den mit ins­ge­s­amt rund 40.000 Sei­ten ver­fasst. Bis auf zwei im In­sti­tut für Stadt­ge­schich­te ar­chi­vier­te Bän­de ge­hö­ren die Ta­ge­bücher zu ei­nem von der Frank­fur­ter Uni­ver­si­täts­bi­b­lio­thek ver­wahr­ten Teil­nach­lass des Arz­tes und Stif­ters. Das von der Uni­bi­b­lio­thek be­t­reu­te De­po­si­tum der Dr. Sen­cken­ber­gi­schen Stif­tung um­fasst ne­ben den 53 Ta­ge­büchern 660 Map­pen mit wei­te­ren Auf­zeich­nun­gen und die Pri­vat­bi­b­lio­thek Sen­cken­bergs.

Im Stu­di­um wur­de Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­berg zum Ta­ge­buch­sch­rei­ber. Bald nach sei­ner An­kunft in der Uni­ver­si­täts­stadt Hal­le be­gann Sen­cken­berg mit den von ihm mit „Ob­ser­va­tio­nes phy­si­cae et me­di­cae in me ip­so fac­tae“ über­schrie­be­nen Auf­zeich­nun­gen (An mir selbst ge­mach­te phy­si­ka­li­sche und me­di­zi­ni­sche Be­o­b­ach­tun­gen). Die ers­ten 18 eng be­schrie­be­nen und ge­bun­de­nen Quart­bän­de be­han­deln den Zei­traum von 1730 bis 1742. Au­ßer den bis ins kleins­te De­tail aus­ge­b­rei­te­ten kör­per­li­chen und see­li­schen Be­find­lich­kei­ten Sen­cken­bergs fin­den sich in den „Ob­ser­va­tio­nes“ schein­bar oh­ne je­den Zu­sam­men­hang ein­ge­streu­te ärzt­li­che und re­li­giö­se Über­le­gun­gen, na­tur­wis­sen­schaft­li­che Be­o­b­ach­tun­gen so­wie Be­sch­rei­bun­gen von Land und Leu­ten.

Die Auf­zeich­nun­gen ent­hal­ten dar­über hin­aus An­ga­ben zu Jo­hann Chris­ti­ans Er­näh­rungs­wei­se, zum Wet­ter und über al­ler­lei an­de­re Din­ge. Die ers­te Ta­ge­buch­auf­zeich­nung im Mai 1730 be­trifft be­zeich­nen­der­wei­se Sen­cken­bergs ge­pu­der­te Lo­cken­pe­rü­cke, oh­ne die er nicht aus dem Haus ging und die auf der Rei­se von Frank­furt nach Hal­le per Post­kut­sche et­was ge­lit­ten hat­te: „Den vo­ri­gen Mo­nath auff der Rei­se nach Hal­le mein Haar ei­ne Wei­le nicht pou­der­te, mus­te se­hen daß es gantz fett, von dem Sa­le vo­la­ti­li ole­o­so per po­ros vel sen­si­bi­li­ter [vel] in­sen­si­bi­li­ter ex­cer­ni so­li­to [= flüch­ti­gen, öli­gen Salz, das ge­wöhn­lich spür­bar oder un­spür­bar durch die Po­ren aus­ge­schie­den wur­de] war, und da­her das Pap­pier alß es in Wei­mar auf­wi­ckel­te, gar bald cor­ro­dir­te.“

Ab 1743 ver­wen­de­te Sen­cken­berg für sei­ne Ta­ge­buch­auf­zeich­nun­gen nicht mehr die ge­wohn­ten Hef­te im Quart­for­mat, son­dern lo­se Zet­tel. Bei sei­nem Tod hin­ter­ließ der Stif­ter rund 20.000 da­tier­te No­tiz­zet­tel, die der Frank­fur­ter Stad­t­ar­chi­var Ge­org Lud­wig Kriegk chro­no­lo­gisch ge­ord­net und in die Form von ärzt­li­chen und nich­tärzt­li­chen Ta­ge­büchern ge­bracht hat. Wäh­rend die The­men­viel­falt der Auf­zeich­nun­gen un­ver­min­dert an­hielt und bei­spiels­wei­se im Ju­ni 1747 von Re­zep­ten für Sie­gel­lack, über An­mer­kun­gen zur Torf­ge­win­nung bis zur Fut­ter­mi­schung für Ka­na­ri­en­vö­gel reich­te, än­der­te sich Sen­cken­bergs Ein­stel­lung zum Le­ben und da­mit sein Blick­win­kel als Ta­ge­buch­sch­rei­ber. Der frisch ver­hei­ra­te­te Arzt stand An­fang 1743 mit bei­den Bei­nen fest auf der Er­de und be­o­b­ach­te­te nicht mehr in ei­nem fort sich selbst, son­dern nahm in den nich­tärzt­li­chen Ta­ge­büchern ver­mehrt sei­ne Mit­men­schen un­ter die Lu­pe.

Frank­fur­ter Rats­her­ren, Pa­tri­zi­er und Ade­li­ge, die Sen­cken­berg der Kor­rup­ti­on oder ei­nes lie­der­li­chen Le­bens­wan­dels ver­däch­tig­te, be­ka­men in den pri­va­ten Auf­zeich­nun­gen ihr Fett weg. Bei je­der sich bie­ten­den Ge­le­gen­heit über­schüt­te­te der Stadt­arzt den kai­ser­li­chen Ge­heim­rat und Stadt­schult­hei­ßen Jo­hann Wolf­gang Tex­tor mit wah­ren Zor­nes­aus­brüchen. Der preu­ßisch ge­sinn­te Sen­cken­berg mach­te den Ver­t­re­ter des Kai­sers in der Reichs­stadt für die im Sie­ben­jäh­ri­gen Krieg er­folg­te Be­set­zung Frank­furts durch pro-kai­ser­li­che fran­zö­si­sche Trup­pen ver­ant­wort­lich. Wu­t­ent­brannt äu­ßer­te sich Sen­cken­berg am 14. Au­gust 1759 auf ei­nem Ta­ge­buch­zet­tel über Tex­tors „Sau­wohl­seyn u[nd] s[ei­ne] gant­ze Sau Fa­mil­le so Eh­bruch u[nd] Hu­re­rey vor ihr sum­mum bo­num hält.“ Bei al­ler Kri­tik am Rat, hing Sen­cken­bergs Herz an sei­ner Va­ter­stadt Frank­furt: „Un­se­re Stadt“, schrieb der Stif­ter am 7. De­zem­ber 1762, „hat von Na­tur gar vie­le Vort­hei­le, wä­re sie re­giert oh­ne Ei­gen­nutz v. Un­ei­nig­keit, so wä­re sie ein Bril­lant.“

Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­bergs von 1743 bis 1772 an­ge­leg­ter „Zet­tel­kas­ten“ ist ei­ne Fund­gru­be für die Frank­fur­ter Stadt­ge­schich­te im 18. Jahr­hun­dert und hat bis­lang nur ei­nen Ha­ken: die Hand­schrift des Ta­ge­buch­sch­rei­bers. Selbst der Stad­t­ar­chi­var Ge­org Lud­wig Kriegk und der Vor­sit­zen­de der Dr. Sen­cken­ber­gi­schen Stif­tung von 1933 bis 1954, Au­gust de Ba­ry, die für ih­re 1869 und 1947 ver­öf­f­ent­lich­ten Sen­cken­berg-Bio­gra­phi­en den hand­schrift­li­chen Nach­lass des Stif­ters von vorn bis hin­ten durch­ge­se­hen ha­ben, be­klag­ten die sch­lech­te Les­bar­keit der Tex­te. „Na­ment­li­ch“, so der hand­schrif­ten­kun­di­ge Kriegk über die fürch­ter­li­che „Klau­e“ Sen­cken­bergs, „sch­reibt er Al­les mit der größ­ten Sch­nel­lig­keit, so daß er mit ei­ner brei­ten Fe­der gar nicht zu sch­rei­ben ver­moch­te. Ja, er ver­zog, ver­k­lei­ner­te und ver­kürz­te da­bei die Buch­sta­ben so sehr, dass kaum ir­gend ei­ne an­de­re Schrift so schwer zu le­sen ist, als die sei­ni­ge.“ Sen­cken­bergs Vor­lie­be für Ein­sch­ü­be in Latein, Fran­zö­sisch und (Alt-)Grie­chisch so­wie von ihm selbst er­dach­te Ab­kür­zun­gen be­rei­te­ten beim Ent­zif­fern sei­ner un­le­ser­li­chen Hand­schrift zu­sätz­li­ches Kopf­zer­b­re­chen.

5Senckenbergs Tagebücher, wohl verwahrt in der Universitätsbibliothek
Bernd Ro­se­lieb
Sen­cken­bergs Ta­ge­bücher, wohl ver­wahrt in der Uni­ver­si­täts­bi­b­lio­thek

Der „Sen­cken­berg-Co­de“ wird an­läss­lich der 250-Jahr-Fei­er der Dr. Sen­cken­ber­gi­schen Stif­tung ent­schlüs­selt. In der Hoff­nung, Nähe­res über die ei­ge­ne Grün­dungs­ge­schich­te zu er­fah­ren, be­auf­trag­te die Ad­mi­ni­s­t­ra­ti­on der Stif­tung Dr. Ve­ro­ni­ka Mar­schall mit der Transkrip­ti­on drei­er Ta­ge­buch­bän­de der Jah­re 1762 und 1763. Zwar schweigt sich Sen­cken­berg in den Ta­ge­büchern über die Vor­gän­ge rund um die Stif­tungs­grün­dung aus – der Brief­wech­sel mit sei­nem Bru­der in Wien, dem Reichs­ho­f­rat Hein­rich Chris­ti­an von Sen­cken­berg, ist hier­zu auf­schluss­rei­cher – aber die Über­set­zungs­ar­beit un­ter­mau­er­te die Ver­mu­tung, dass die Ta­ge­bücher als Gan­zes be­trach­tet ein ein­ma­li­ges Zeug­nis der Wis­sen­schafts-, Stadt- und All­tags­ge­schich­te mit gro­ßer Re­le­vanz für un­ter­schied­lichs­te Fach­be­rei­che dar­s­tel­len. In ei­nem ge­mein­sa­men Kraf­t­akt fi­nan­zie­ren bis 2016 die Dr. Sen­cken­ber­gi­sche Stif­tung, die Ge­mein­nüt­zi­ge Her­tie-Stif­tung, die Stif­tung Po­ly­tech­ni­sche Ge­sell­schaft und die Uni­ver­si­täts­bi­b­lio­thek Frank­furt die Transkrip­ti­on von rund 13.000 Ta­ge­buch­sei­ten der Jah­re 1730 bis 1742. In ei­ne les­ba­re Form ge­bracht und mit Kom­men­ta­ren ver­se­hen wer­den die ent­schlüs­sel­ten Ta­ge­buch­sei­ten on­li­ne zur Ver­fü­gung ge­s­tellt. Die Ta­ge­bücher Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­bergs sol­len kei­ne Bücher mit sie­ben Sie­geln mehr sein.