Dr. Senckenbergische Stiftung

Die Institute - Dr. Senckenbergische Anatomie

1766 er­rich­te­te der Frank­fur­ter Stadt­arzt Dr. Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­berg auf dem Ge­län­de des Sen­cken­ber­gian­ums ne­ben dem Bür­ger­ho­spi­tal, dem Bo­ta­ni­schen Gar­ten und ei­ner Rei­he von wis­sen­schaft­li­chen In­sti­tu­ten auch ein ‚Thea­trum Ana­to­mi­cum‘. Da­rin war der gan­ze Be­reich der Lei­chen­sek­ti­on an­ge­sie­delt. Dar­aus ent­wi­ckel­te sich spä­ter ne­ben der Pa­tho­lo­gie und der Rechts­me­di­zin die Dr. Sen­cken­ber­gi­sche Ana­to­mie. Die­ses In­sti­tut war 1914 auch Grün­dungs­mit­glied der Jo­hann Wolf­gang Goe­the-Uni­ver­si­tät, de­ren fes­ter Be­stand­teil sie bis heu­te ist. Die Dr. Sen­cken­ber­gi­sche Ana­to­mie glie­dert sich heu­te in die drei In­sti­tu­te: Ana­to­mie I – Kli­ni­sche Neu­roa­na­to­mie‘, ‚A­na­to­mie II – Ex­pe­ri­men­tel­le Neu­ro­bio­lo­gie‘ und ‚A­na­to­mie III – Zel­lu­lä­re und mo­le­ku­la­re Ana­to­mie‘.

Sen­cken­berg ers­ter Leich­nam

„Tra­gi­scher­wei­se war Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­berg der al­le­r­ers­te, der in dem von ihm ge­grün­de­ten Thea­trum Ana­to­mi­cum ge­öff­net wur­de“, er­in­nert In­sti­tuts­di­rek­tor Prof. Dr. med. Horst-Wer­ner Korf an die ein­drucks­vol­le Ge­burts­stun­de sei­nes In­sti­tuts.“ Am 17. No­vem­ber 1772 stürz­te Sen­cken­berg vom Ge­rüst der Bau­s­tel­le des Bür­ger­ho­spi­tals und starb. Sei­ne To­de­s­ur­sa­che war un­klar und so muss­te er ei­ner Sek­ti­on un­ter­zo­gen wer­den. Die drei Stad­t­ärz­te Beh­rends, Kis­ner und Mül­ler ka­men zu dem Er­geb­nis, dass die Kom­bi­na­ti­on aus ei­ner Kopf­wun­de und ei­ner Hals­wir­bel­säu­len­frak­tur zu die­sem tra­gi­schen Tod ge­führt hat­te.

Prof. Dr. med. Horst-Werner Korf, Institutschef
Bernd Ro­se­lieb
Prof. Dr. med. Horst-Wer­ner Korf, In­sti­tuts­chef

Das Thea­trum Ana­to­mi­cum dif­fe­ren­zier­te sich spä­ter in die Rechts­me­di­zin, die Pa­tho­lo­gie und die Ana­to­mie als selbst­stän­di­ge Fächer. 1914 wur­de das In­sti­tut Teil der neu ge­grün­de­ten Jo­hann Wolf­gang Goe­the-Uni­ver­si­tät. Da­mals war die Ana­to­mie ein klas­si­sches Ein-Di­rek­to­ren-In­sti­tut mit be­rühm­ten Wis­sen­schaft­lern in ih­ren Rei­hen. Der auch heu­te noch durch weg­wei­sen­de Lehr­bücher be­kann­te Die­trich Starck war in Frank­furt, ge­n­au­so wie Wolf­gang Barg­mann, der 1932 in der Frank­fur­ter Ana­to­mie pro­mo­viert wur­de und spä­ter ge­mein­sam mit Ernst und Ber­ta Schar­rer - von 1933-1937 bis zu ih­rer Emi­g­ra­ti­on in die Ve­r­ei­nig­ten Staa­ten am Edin­ger In­sti­tut in Frank­furt tä­tig - ei­ne neue wis­sen­schaft­li­che Dis­zi­p­lin, die Neu­ro­en­do­kri­no­lo­gie be­grün­de­te und zu Wel­truhm kam.

Mit den ein­schnei­den­den Er­fin­dun­gen in der Me­diz­in­tech­nik wie dem Elek­tro­nen­mi­kros­kop zur Ana­ly­se von Ul­tra­struk­tu­ren wur­de ei­ne wei­te­re Dif­fe­ren­zie­rung er­for­der­lich, und Die­trich Starck för­der­te die Ein­rich­tung ei­nes zwei­ten Lehr­stuhls mit dem Schwer­punkt „Mi­kros­ko­pi­sche Ana­to­mie und Ul­tra­struk­tur­ana­ly­se“. Im Jah­re 1989 wur­de ein drit­ter Lehr­stuhl ein­ge­rich­tet, um den be­reits da­mals hoch re­nom­mier­ten Neu­ro­bio­lo­gen Mi­cha­el Frot­scher in Frank­furt zu hal­ten.

Nach­dem Frot­scher ei­nem Ruf nach Frei­burg folg­te, wur­de der jun­ge Pri­vat­do­zent der Ana­to­mie Prof. Horst-Wer­ner Korf aus Gie­ßen auf die­se Pro­fes­sur be­ru­fen und nahm sei­nen Di­enst im Ok­tober 1990 auf. Seit­dem lei­tet er die Dr. Sen­cken­ber­gi­sche Ana­to­mie. Für un­er­läss­lich hält er die Dif­fe­ren­zie­rung, die seit den Ta­gen Sen­cken­bergs den Fo­kus sei­nes Fa­ches stän­dig ge­schärft hat. „Wäh­rend die Pa­tho­lo­gie krank­haf­te Pro­zes­se zum Ge­gen­stand hat, will die Ana­to­mie ih­ren Stu­die­ren­den und Ärz­ten grund­sätz­lich den Nor­mal­zu­stand des men­sch­li­chen Kör­pers de­mon­s­trie­ren“, er­läu­tert Prof. Korf. „Die ge­nui­ne For­schung und Leh­re am Ge­sun­den soll den jun­gen For­schern er­mög­li­chen, spä­ter das Kran­ke bes­ser zu er­ken­nen.“

Von der DNA zur Zel­le bis zum Ganz­tier

Heu­te be­steht die Dr. Sen­cken­ber­gi­sche Ana­to­mie aus drei In­sti­tu­ten mit un­ter­schied­li­chen For­schungs­schwer­punk­ten. Prof. Korf: "Da wir den Ge­gen­stand un­se­res Fa­ches, den men­sch­li­chen Kör­per, ganz­heit­lich vom ge­sam­ten Kör­per, zum Or­gan und wei­ter zum Mo­le­kül be­trach­ten, ist die Kom­ple­xi­tät in ei­ner Ab­tei­lung nicht zu be­wäl­ti­gen." So steht im Mit­tel­punkt der Ar­beit des Teams um Prof. Dr. med. Tho­mas Del­ler in der ‚A­na­to­mie I – Kli­ni­sche Neu­roa­na­to­mie‘ das Ner­ven­sys­tem und sein Ver­hält­nis zu neu­ro­lo­gi­schen Er­kran­kun­gen, wie Schä­d­i­gun­gen des Ge­hirns, mul­ti­p­ler Sk­le­ro­se und neu­ro­de­ge­ne­ra­ti­ven Er­kran­kun­gen. Prof. Korf forscht als Di­rek­tor der ‚A­na­to­mie II – Ex­pe­ri­men­tel­le Neu­ro­bio­lo­gie‘ auf dem Ge­biet der Or­ga­ni­sa­ti­on und Ent­wick­lung des Zen­tral­ner­ven­sys­tems in Zu­sam­men­hang mit Schalt­k­rei­sen auf sys­te­mi­scher, zel­lu­lä­rer und mo­le­ku­la­rer Ebe­ne. Die ‚A­na­to­mie III – Zel­lu­lä­re und mo­le­ku­la­re Ana­to­mie‘ sch­ließ­lich ana­ly­siert un­ter der Lei­tung von Prof. Dr. rer. nat. Jörg Steh­le die mo­le­ku­la­re Auf­klär­ung des neu­ro­na­len Zell­to­des, den Auf­bau und die Funk­ti­on des Säu­ger­hirns so­wie die zeit­mes­sen­de Kom­pe­tenz von Neu­ro­nen.
„Uns al­len ge­mein­sam ist das In­ter­es­se am Le­ben“, be­tont der In­sti­tuts-Chef Korf. „Wir sind kei­ne to­te Wis­sen­schaft. Wir un­ter­su­chen Ver­hal­ten, in­dem wir Pro­zes­se im Ge­hirn un­ter­su­chen, wie et­wa die Fähig­keit des Ge­hirns bzw. von Syn­ap­sen, Ner­ven­zel­len oder auch von gan­zen Hir­na­rea­len zur Ve­r­än­de­rung. Ge­mein­sam ist uns ein ver­ti­ka­ler An­satz in der For­schung von der DNA und der Zel­le bis hin zum Ganz­tier.“

Kör­per­spen­der un­ter­stüt­zen die per­so­na­li­sier­te Wis­sen­schaft

Be­son­ders wich­tig für die Aus­bil­dung der jun­gen Wis­sen­schaft­ler ist die Ar­beit am to­ten Kör­per. „Ei­ne per­so­na­li­sier­te, al­so am ein­zel­nen Men­schen aus­ge­rich­te­te Me­di­zin be­nö­t­igt auch ei­ne per­so­na­li­sier­te Aus­bil­dung“, ist Prof. Korf über­zeugt. „Dem kann die Ar­beit mit Lehr­buch und At­las nicht ge­nü­gen. Wir müs­sen am Ori­gi­nal ler­nen und des­halb geht es oh­ne ech­te Kör­per nicht.“ In Präpa­rier­kur­sen ler­nen die Stu­die­ren­den der Me­di­zin Kör­per­re­gio­nen und Or­ga­ne und de­ren kom­p­li­zier­te La­ge­be­zie­hun­gen zu­ein­an­der ken­nen und ‚be­g­rei­fen‘. Au­ßer­dem kön­nen Ärz­te ver­schie­de­ner Dis­zi­p­li­nen an den Kör­pern Ope­ra­ti­ons­tech­ni­ken prak­tisch er­ler­nen bzw. neue Ope­ra­ti­ons­tech­ni­ken ent­wi­ckeln.

Mit sei­nem An­satz der Ana­to­mie weiß sich Prof. Korf ganz im Sin­ne des Grün­ders Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­berg. „Sen­cken­berg hat­te den Sinn ei­ner Struk­tur­for­schung in der Me­di­zin des Men­schen er­kannt, die ganz­heit­lich ist, al­so auf Grund­la­gen aus al­len re­le­van­ten Ge­bie­ten, wie heu­te bei uns die neu­ro­na­len Be­rei­che, fußt.“ Er be­zeich­net sich selbst als be­din­gungs­lo­sen Jün­ger von Sen­cken­berg und ist froh, heu­te so eng mit der von Sen­cken­berg ge­grün­de­ten Stif­tung zu­sam­men­ar­bei­ten zu kön­nen. „Frank­furt hat der Stif­tung viel zu ver­dan­ken, die Uni­ver­si­tät eben­falls, und auch die Ana­to­mie kann im­mer auf de­ren Un­ter­stüt­zung bau­en.“

Studiert werden alle relevanten Bereiche des Lebens
Bernd Ro­se­lieb
Stu­diert wer­den al­le re­le­van­ten Be­rei­che des Le­bens