Dr. Senckenbergische Stiftung

Die Institute - Dr. Senckenbergisches Chronomedizinisches Institut

Ge­grün­det wur­de das Dr. Sen­cken­ber­gi­sche Chro­no­me­di­zi­ni­sche In­sti­tut am 28. Fe­bruar 2010, dem 303. Ge­burts­tag von Dr. Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­berg, dem Frank­fur­ter Arzt und Stif­ter. Es ent­stand aus der Ar­beit des Dr. Sen­cken­ber­gi­schen In­sti­tuts für Ana­to­mie zur Er­wei­te­rung der re­le­van­ten Fra­ge­stel­lun­gen der ex­pe­ri­men­tel­len Neu­ro­bio­lo­gie um die zeit­li­che Di­men­si­on. Das Dr. Sen­cken­ber­gi­sche Chro­no­me­di­zi­ni­sche In­sti­tut ist Teil des Fach­be­reichs Me­di­zin der Jo­hann Wolf­gang Goe­the-Uni­ver­si­tät.

Prof. Dr. med. Horst-Werner Korf, der Chef ist selbst eine Eule
Bernd Ro­se­lieb
Prof. Dr. med. Horst-Wer­ner Korf, der Chef selbst ist ei­ne Eu­le

Der Rhyth­mus der in­ne­ren Uhr

„Un­ser For­schungs­ge­gen­stand ist al­len Men­schen sehr ge­läu­fi­g“, er­läu­tert der Di­rek­tor des In­sti­tuts, Prof. Dr. Horst-Wer­ner Korf. „Es ist un­se­re in­ne­re Uhr, de­ren Ein­fluss auf die Ent­ste­hung von Krank­hei­ten wir un­ter­su­chen.“ Die­se ganz le­ben­di­ge Uhr ist hier­ar­chisch auf­ge­baut; sie be­steht aus ei­nem „Di­ri­gen­ten“ im Ge­hirn mit vie­len tau­send Ner­ven­zel­len und ei­nem „Or­ches­ter“ mit vie­len In­stru­men­ten, de­ren Spiel ei­nem be­stimm­ten Rhyth­mus un­ter­liegt und die auf al­le Le­bens­be­rei­che, auf un­se­re Ge­sund­heit und na­tür­lich auch auf die Krank­heit wir­ken. „Wir wis­sen, dass al­le un­se­re Or­ga­ne durch die­ses Uh­ren­sys­tem be­ein­flusst wer­den. Be­son­ders in­ter­es­sant sind Ein­flüs­se der Uh­ren auf die Zell­tei­lung, und es lässt sich vor­her­se­hen, dass die Er­for­schung die­ser Zu­sam­men­hän­ge da­zu bei­tra­gen wird, für Pa­ti­en­ten mit Tu­mo­r­er­kran­kun­gen in Zu­kunft mög­lichst maß­ge­schnei­der­te in­di­vi­dua­li­sier­te The­ra­pi­en zu ent­wi­ckeln. Wich­ti­ge Bo­ten­stof­fe der in­ne­ren Uhr sind das Dun­kel­hor­mon Me­la­tonin und das Wach­heits­hor­mon Cor­ti­sol. Wie die­se Bo­ten­stof­fe un­ser Im­mun­sys­tem und un­ser Schlaf-Wach­ver­hal­ten be­ein­flus­sen, ist ein span­nen­des For­schungs­feld, aus dem sich The­ra­pi­en für Schlaf­stör­un­gen, wie et­wa bei Mor­bus Par­kin­son, ab­lei­ten lie­ßen.

Chro­nos und Kai­ros: Ent­schei­dend ist der rich­ti­ge Zeit­punkt

Die Chro­no­me­di­zin er­wei­tert den For­schungs­an­satz der In­sti­tu­te ‚A­na­to­mie II – Ex­pe­ri­men­tel­le Neu­ro­bio­lo­gie‘ und ‚A­na­to­mie III – Zel­lu­lä­re und mo­le­ku­la­re Ana­to­mie‘ um die Di­men­si­on der Zeit. Prof. Korf: „Bis­her be­ant­wor­tet die Ana­to­mie vor al­lem die Fra­ge nach dem „Wo“. Das „Wo“ ist in vie­len Be­rei­chen der Me­di­zin do­mi­n­ant, wäh­rend das „Wan­n“ kaum be­rück­sich­tigt wird.“ So begnü­ge man sich häu­fig da­mit zu wis­sen, dass et­wa die Le­ber un­ge­fähr 1,5 Ki­lo schwer und un­ter dem rech­ten Rip­pen­bo­gen zu fin­den ist. Sie ha­be dort ei­ne kon­stan­te La­ge und sei im Nor­mal­fall kaum zu tas­ten. „We­nig be­ach­tet wird, dass die­ses Or­gan mor­gens und abends sehr un­ter­schied­li­che En­zym­ak­ti­vi­tä­ten ent­fal­tet, was nicht nur für den idea­len Zeit­punkt und die rich­ti­ge Al­ko­hol­men­ge ei­nes Sekt­früh­s­tücks re­le­vant ist.“ Das al­ko­holab­bau­en­de En­zym ist abends viel ak­ti­ver als mor­gens.

Das gel­te auch für den Ab­bau an­de­rer Gif­te. „Das heißt, der Ta­ges­zeit­punkt ist wich­tig da­für, wann ich ein Me­di­ka­ment ge­be. Zur fal­schen Zeit wird es viel zu sch­nell wie­der ab­ge­baut und ver­fehlt ei­nen er­heb­li­chen Teil sei­ner Wir­kung.“, er­läu­tert Korf. Die­se Zeit­di­men­si­on gel­te auch für das Sch­mer­z­emp­fin­den, die Kör­per­tem­pe­ra­tur, die Zell­tei­lung und zahl­rei­che an­de­re or­ga­ni­sche Pro­zes­se. Für vie­le Be­hand­lun­gen gel­te ne­ben Chro­nos eben auch im­mer Kai­ros, den rich­ti­gen Zeit­punkt zu be­rück­sich­ti­gen. „Wir wol­len her­aus­fin­den, wann der rich­ti­ge Zeit­punkt für ei­ne Be­strah­lung ist“, ver­deut­licht Prof. Korf die gro­ße Re­le­vanz der Chro­no­me­di­zin. „Die Do­sis kann höh­er sein, wenn auf­grund be­stimm­ter Rah­men­be­din­gun­gen die Ne­ben­wir­kun­gen re­du­ziert wer­den kön­nen. Die gan­ze Be­hand­lung ist dann ef­fi­zi­en­ter.“

‚Ler­che‘, ‚Eu­le‘ oder ‚Gol­dam­mer‘

Da die in­ne­re Uhr je­des Men­schen an­ders tickt, wol­len Prof. Korf und sei­ne Kol­le­gen mehr er­fah­ren über die Zei­t­ab­läu­fe der Men­schen. Durch Fra­ge­bö­gen und Ge­spräche er­hof­fen sie sich, grund­sätz­li­che Da­ten zu den Zeit­rhyth­men zu er­fah­ren. Es ist wich­tig für die For­scher zu wis­sen, wer tief in sei­nem In­nern ei­ne frühauf­ste­hen­de Ler­che oder ei­ne mor­gen­muf­feln­de Eu­le ist, oder et­wa die in der Mit­te lie­gen­de Gol­dam­mer. In na­tio­na­len Ko­ope­ra­tio­nen wer­den gro­ße Be­fra­gun­gen mit bis zu 2000 Teil­neh­mern durch­ge­führt, die be­reits jetzt er­heb­li­che Er­fol­ge er­mög­lich­ten. „Wir wis­sen nun nicht nur, dass die Men­schen in Sach­sen-An­halt Frühauf­ste­her sind und dass be­stimm­te Be­rufs­grup­pen fast im­mer von be­stimm­ten Chro­no­ty­pen er­grif­fen wer­den, so wie fast al­le Bä­cker und Land­wir­te frühak­ti­ve ‚Ler­chen‘ sind, son­dern wir ha­ben be­deu­ten­de Er­kennt­nis­se zu Neu­ro­de­ge­ne­ra­ti­ven Er­kran­kun­gen, zu Alz­hei­mer und Par­kin­son ver­öf­f­ent­licht und so die Me­di­zin er­heb­lich wei­ter­ent­wi­ckelt.“

Fragebögen ermitteln, ob die Menschen ‚Eulen’ oder ‚Lerchen’ sind
Bernd Ro­se­lieb
Fra­ge­bö­gen er­mit­teln, ob die Men­schen ‚Eu­len’ oder ‚Ler­chen’ sind

In ge­wis­ser Wei­se sei be­reits der gro­ße Stif­ter Dr. Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­berg ein Ver­fech­ter der Chro­no­me­di­zin ge­we­sen. So zu­min­dest deu­tet Prof. Korf das Re­zept, das von ihm wört­lich über­lie­fert sei: „Ste­he al­le Mor­gen um 5 Uhr auf und schla­fe vor­her ru­hi­ge 7 Stun­den.“ Es ge­be gar kei­nen Zwei­fel, „Sen­cken­berg war ei­ne Ler­che“.