Dr. Senckenbergische Stiftung

Die Institute - Dr. Senckenbergisches Institut für Geschichte und Ethik der Medizin

1917 er­hielt der Frank­fur­ter In­ter­nist, Me­diz­in­his­to­ri­ker und Me­diz­in­theo­re­ti­ker Richard Koch ei­nen Lehr­auf­trag für Ge­schich­te der Me­di­zin an der 1914 ge­grün­de­ten Uni­ver­si­tät; 1927 grün­de­te Koch ein Se­mi­nar für Ge­schich­te der Me­di­zin. Nach der Ent­las­sung Kochs wur­de 1938 das „Sen­cken­ber­gi­sche In­sti­tut für Ge­schich­te der Me­di­zin“ ge­grün­det. Nach ei­ni­gen Na­mens­än­de­run­gen ist das „Dr. Sen­cken­ber­gi­sche In­sti­tut für Ge­schich­te und Ethik der Me­di­zin“ heu­te Teil des Fach­be­reichs Me­di­zin der Goe­the-Uni­ver­si­tät.

Beeindruckende Werke der historischen Medizinliteratur stehen Interessierten in der Bibliothek zur Verfügung
Bernd Ro­se­lieb
Be­ein­dru­cken­de Wer­ke der his­to­ri­schen Me­di­zin­li­te­ra­tur
ste­hen In­ter­es­sier­ten in der Bi­b­lio­thek zur Ver­fü­gung

Bit­te­re Vor­ge­schich­te zur Grün­dung in der NS-Zeit

Ei­ne sc­hö­ne Ju­gend­s­til­vil­la in der Paul-Ehr­lich-Stra­ße in Frank­furt ist das Do­mi­zil des Dr. Sen­cken­ber­gi­schen In­sti­tuts für Ge­schich­te und Ethik der Me­di­zin. Um­ge­ben von ei­ner Bi­b­lio­thek mit be­ein­dru­cken­den Wer­ken der his­to­ri­schen Me­di­zin­li­te­ra­tur so­wie Schrif­ten zu viel­fäl­ti­gen ethi­schen Aspek­ten der Me­di­zin und ei­ner ein­drucks­vol­len Samm­lung me­di­zi­ni­scher Ge­rät­schaf­ten aus den Jahr­hun­der­ten tref­fen wir zum In­ter­view den Ge­schäfts­füh­r­en­den Di­rek­tor des In­sti­tuts, Prof. Dr. med. Dr. phil. Udo Ben­zen­hö­fer.

Herr Prof. Ben­zen­hö­fer, seit wann gibt es Ihr In­sti­tut?

Ich muss die­se Fra­ge aus Grün­den der his­to­ri­schen Ge­rech­tig­keit et­was aus­führ­li­cher be­ant­wor­ten. For­mal gibt es das Sen­cken­ber­gi­sche In­sti­tut für Ge­schich­te der Me­di­zin, wie es ur­sprüng­lich hieß, seit 1938. Die Sen­cken­ber­gi­sche Stif­tung un­ter­stütz­te da­mals die Grün­dung durch die Fi­nan­zie­rung ei­nes be­zahl­ten Lehr­auf­trags. Die­se Grün­dung in der NS-Zeit hat­te aber ei­ne aus heu­ti­ger Sicht sehr bit­te­re Vor­ge­schich­te. Seit 1927 hat­te es an der Frank­fur­ter Me­di­zi­ni­schen Fa­kul­tät ein Se­mi­nar für Ge­schich­te der Me­di­zin ge­ge­ben. Es war von dem jü­di­schen Arzt, Me­diz­in­his­to­ri­ker und Me­diz­in­theo­re­ti­ker Richard Koch ge­grün­det wor­den. Koch lei­te­te das Se­mi­nar, in das er viel ei­ge­nes Geld steck­te, bis zu sei­ner Ent­las­sung durch die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten im Jahr 1933. Er muss­te 1937 in die So­wjet­u­ni­on emi­grie­ren, wo er 1949 na­he­zu völ­lig ver­armt ver­starb. Man woll­te sich 1938 nach mei­nem Da­für­hal­ten mit der Be­nen­nung In­sti­tut bei der „Neu­grün­dung“ ganz be­wusst von dem Se­mi­nar Kochs ab­g­ren­zen.

Di­rek­ter Be­zug zur Dr. Sen­cken­ber­gi­schen Stif­tung

Gibt es heu­te noch di­rek­te Be­zü­ge des In­sti­tuts zur Dr. Sen­cken­ber­gi­schen Stif­tung?

Das In­sti­tut ist heu­te ein In­sti­tut des Fach­be­reichs Me­di­zin der Jo­hann Wolf­gang Goe­the-Uni­ver­si­tät, zur Stif­tung be­ste­hen aber gu­te Kon­tak­te. So hat die Stif­tung 2006/07 ein For­schung­s­pro­jekt des In­sti­tuts ge­för­dert. Zu­dem war un­ser In­sti­tut bei den Fei­er­lich­kei­ten zum 300. Ge­burts­tag von Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­berg im Jahr 2007 ak­tiv.

Kön­nen Sie die Be­rei­che, in de­nen Ihr In­sti­tut heu­te tä­tig ist, et­was näh­er be­schrei­ben? Sie sind z.B. in der Leh­re ak­tiv.

Das Lehr­an­ge­bot des In­sti­tuts um­fasst vor al­lem Kur­se der Me­di­zi­ni­schen Ter­mi­no­lo­gie für das 1. Se­mes­ter, das Se­mi­nar His­to­ri­sche und phi­lo­so­phi­sche Grund­la­gen der Me­di­zin für das 3. Se­mes­ter (Wahlpf­licht­fach) und die Haupt­vor­le­sung Ge­schich­te, The­o­rie und Ethik in der Me­di­zin für das 6. Se­mes­ter. Da­zu kom­men Ver­an­stal­tun­gen mit wech­seln­den The­men wie z.B. die Ring­vor­le­sung Ethik in der Me­di­zin.

Wie sieht es mit der For­schung aus?

Die Mit­g­lie­der des In­sti­tuts for­schen zu ver­schie­de­nen Schwer­punkt­the­men, von de­nen hier nur „Ge­schich­te der Frank­fur­ter Uni­ver­si­täts­me­di­zin“, „Me­di­zin im Na­tio­nal­so­zia­lis­mus“, „Ge­schich­te und Ethik der Präim­plan­ta­ti­ons­diag­nos­ti­k“ so­wie „Ethik in der Al­tenpf­le­ge“ ge­nannt sei­en.

Kön­nen Sie das noch et­was spe­zi­fi­zie­ren?

Ja, na­tür­lich. 2014 fei­ert die Uni­ver­si­tät Frank­furt ihr 100-jäh­ri­ges Ju­bi­läum. Zur Ge­schich­te der Frank­fur­ter Uni­ver­si­täts­me­di­zin wer­de ich 2014 ei­nen um­fang­rei­chen Band vor­le­gen. Ei­ni­ge ‚Sa­tel­li­ten­bän­de‘ sind schon er­schie­nen, z.B. ein Band über Ehr­lich, Edin­ger, Gold­stein und an­de­re er­in­ne­rungs­wür­di­ge Frank­fur­ter Uni­ver­si­täts­me­di­zi­ner (Müns­ter/Ulm 2012) oder ein Band über die Frank­fur­ter Uni­ver­si­täts­me­di­zin zwi­schen 1933 und 1945 (Müns­ter/Ulm 2012).

Nur ne­ben­bei: Die Pu­b­li­ka­ti­on von Büchern un­ter­schei­det un­ser Fach we­sent­lich von an­de­ren me­di­zi­ni­schen Fächern, in de­nen vor­zugs­wei­se Auf­sät­ze ver­öf­f­ent­licht wer­den.

Ethik­be­ra­tung in der Al­ten­hil­fe

Doch zu­rück zu Ih­rer Fra­ge: Als Bei­spiel für den For­schungs­be­reich Ethik möch­te ich auf ein Dritt­mit­tel­pro­jekt ver­wei­sen, das seit 2008 von der Stadt Frank­furt ge­för­dert wird. Es geht um die För­de­rung von Ethik-Be­ra­tung in Ein­rich­tun­gen der sta­tio­nä­ren Al­ten­hil­fe. Das Pro­jekt wird von Dr. Ti­mo Sau­er aus dem In­sti­tut ge­lei­tet. Ein Ziel ist es, die in vie­len Kli­ni­ken schon üb­li­che Ar­beit von Ethik-Ko­mi­tees auf den Be­reich Al­tenpf­le­ge zu über­tra­gen. Im Rah­men des Pro­jekts ent­stand die um­fang­rei­che Buch­pu­b­li­ka­ti­on „Ethik­ko­mi­tee im Al­tenpf­le­ge­heim. Theo­re­ti­sche Grund­la­gen und prak­ti­sche Kon­zep­ti­on“ (Frank­furt, New York 2012), die un­längst er­schie­nen ist. Die Au­to­ren sind Gi­se­la Bo­cken­hei­mer-Lu­ci­us, Re­na­te Dan­sou und Ti­mo Sau­er. So­wohl den Be­reich Ethik als auch den Be­reich Ge­schich­te der Me­di­zin um­fasst ein Buch­pro­jekt der wis­sen­schaft­li­chen Mit­ar­bei­te­rin Dr. Kat­ja Weis­ke zum The­ma Präim­plan­ta­ti­ons­diag­nos­tik, das 2013 ab­ge­sch­los­sen wer­den soll.

Was gibt es sonst noch In­ter­es­san­tes?

Ich möch­te noch auf zwei Punk­te hin­wei­sen. Zum ei­nen auf das Kli­ni­sche Ethik-Ko­mi­tee. Das ‚KEK‘, wie es ab­ge­kürzt ge­nannt wird, ist vor al­lem im Be­reich der Ethik-Be­ra­tung und der Fort­bil­dung am Uni­ver­si­täts­k­li­ni­kum tä­tig. Die Ge­schäfts­füh­rung hat Dr. Bar­ba­ra Wolf-Braun vom Dr. Sen­cken­ber­gi­schen In­sti­tut für Ge­schich­te und Ethik der Me­di­zin. Au­ßer ihr ge­hö­ren noch zwei Mit­g­lie­der des In­sti­tuts dem Ko­mi­tee an.
Zum an­de­ren möch­te ich auf die Bi­b­lio­thek des In­sti­tuts hin­wei­sen. Es ist ei­ne Prä­senz­bi­b­lio­thek, die al­te und neue Li­te­ra­tur um­fasst. Sie hat der­zeit ei­nen Be­stand von ca. 75.000 Bän­den und ist ein Rast- und Fest­platz für his­to­risch und ethisch in­ter­es­sier­te Bücher­wür­mer. Ge­nutzt wer­den kann die Bi­b­lio­thek von Mon­tag bis Mitt­woch von 9 bis 16 Uhr so­wie Don­ners­tag und Frei­tag von 9 bis 13 Uhr. Ei­ne te­le­fo­ni­sche Vor­an­mel­dung ist sinn­voll.

 

 

Li­te­ra­tur zur Frank­fur­ter Me­di­zin­ge­schich­te

Ei­nen ein­drucks­vol­len Ein­blick in die Me­di­zin­ge­schich­te Frank­furts gibt, wie oben be­reits er­wähnt, Prof. Ben­zen­hö­fer in vier ak­tu­el­len Pu­b­li­ka­tio­nen, die sich mit dem städ­ti­schen Kran­ken­haus vor dem Ent­ste­hen des Uni­ver­si­täts­k­li­ni­kums, der Me­di­zi­ni­schen Fa­kul­tät, der Uni­ver­si­täts­me­di­zin wäh­rend der NS-Dik­ta­tur so­wie gro­ßen Uni­ver­si­täts­me­di­zi­nern be­schäf­ti­gen.

Vier aktuelle Bücher geben Einblicke in die Frankfurter Medizingeschichte
Bernd Ro­se­lieb
Vier ak­tu­el­le Bücher ge­ben Ein­bli­cke in die Frank­fur­ter Me­di­zin­ge­schich­te