Dr. Senckenbergische Stiftung

Der Stifter - Elf Institute mit sicherem Stand auf den Schultern eines Riesen

Er war’s: Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­berg und die Fol­gen

„Wenn ich heu­te wei­ter­se­he, dann weil ich auf den Schul­tern von Rie­sen ste­he!“ Die­ser über die Jahr­hun­der­te im­mer wie­der ver­wen­de­te Apho­ris­mus über die Ent­wick­lung der Wis­sen­schaft (sie­he ei­ne be­son­ders ori­gi­nel­le Zu­sam­men­fas­sung bei Mer­ton, Robert K., On the shoul­ders of gi­ants, New York 1965) scheint in be­son­de­rem Ma­ße auf die elf aus dem Werk des Stif­ters Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­berg ent­stan­de­nen In­sti­tu­te zu­zu­tref­fen, die das dies­jäh­ri­ge 250. Ju­bi­läum der Stif­tung als Ge­le­gen­heit nut­zen, ih­ren Rie­sen und sein Werk zu fei­ern. Sie al­le sind stolz auf ih­re Wur­zeln und emp­fin­den sich als geis­ti­ge Nach­fol­ger des Frank­fur­ter Stadt­arz­tes aus dem 18. Jahr­hun­dert.

Johann Christian Senckenberg, Gemälde von Anton Wilhelm Tischbein, 1771
Se­bas­ti­an Krupp
Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­berg,
Ge­mäl­de von An­ton Wil­helm Tisch­bein, 1771

Zwei­fel­soh­ne war Sen­cken­berg ein Rie­se, setz­te er doch ei­nen in sei­ner Zeit ein­zi­g­ar­ti­gen Pa­ra­dig­men­wech­sel im Ge­sund­heits­we­sen durch. Ge­sund wer­den soll­ten die Men­schen und nicht ster­ben, an­ge­sichts der Hil­f­lo­sig­keit der Ärz­te oder Hebam­men oder gar durch In­fek­tio­nen von de­ren Hän­den. Die ers­ten, die das zu spü­ren be­ka­men, wa­ren die Ärz­te des neu­en Bür­ger­ho­spi­tals, die per Ar­beits­ver­trag den Auf­trag er­hiel­ten, die ih­nen an­ver­trau­ten Kran­ken zu hei­len und aus dem Kran­ken­haus ein Tor zum Le­ben statt der üb­li­chen Pfor­te des To­des zu ma­chen. Der ers­te Aus­blick von Sen­cken­bergs Schul­tern mag ob der atem­be­rau­ben­den An­for­de­run­gen bei ei­ni­gen von ih­nen kräf­ti­ge Schwin­del­ge­füh­le aus-

ge­löst ha­ben, heu­te ist das Kran­ken­haus in der Ni­be­lun­ge­n­al­lee mit ei­ner der höchs­ten Ge­bur­ten­zah­len bun­des­weit im wahrs­ten Sin­ne ein Tor zum Le­ben und selbst zu ei­nem Rie­sen ge­wor­den.

Ne­ben dem Kran­ken­haus war der ei­gent­lich ‚gi­gan­ti­sche‘ Plan Sen­cken­bergs der Tem­pel, den er der Wis­sen­schaft bau­en woll­te. Ei­ne Ge­sund­heits­ver­sor­gung, die ih­ren Na­men ver­di­en­te, muss­te nach sei­ner Auf­fas­sung um­fas­sen­de Kom­pe­ten­zen an­häu­fen und er­zeu­gen. Ei­ne um­fang­rei­che Bi­b­lio­thek mit Fach­li­te­ra­tur der wich­tigs­ten Fächer, ein ers­ter Bo­ta­ni­scher Gar­ten mit den wich­tigs­ten Arz­nei­pflan­zen so­wie ein Thea­trum Ana­to­mi­cum und ein che­mi­sches La­bor bil­de­ten ei­nen in sei­ner Zeit ein­zi­g­ar­ti­gen ‚me­di­zi­ni­schen‘ Cam­pus am Eschen­hei­mer Turm.

Be­son­de­re Sor­ge hat­ten dem Stif­ter die Wür­den­trä­ger der Stadt be­rei­tet, de­ren Be­tei­li­gung er be­reits im Stif­tungs­ver­trag für al­le Zeit aus­sch­loss. In un­se­rem Bild hät­te er die­se si­cher­lich als Zwer­ge ge­se­hen, die selbst nach ge­lun­ge­nem Auf­s­tieg auf sei­ne Schul­tern aus der neu­en Per­spek­ti­ve kei­nen Weit­blick ge­won­nen hät­ten und ver­mut­lich al­le­s­amt ab­ge­stürzt wä­ren. Un­ter die­sen ‚Zwer­gen‘ hat­te un­ser Gi­gant bei der Grün­dung und die Stif­tung ganz of­fen­sicht­lich in den Fol­ge­jah­ren er­heb­lich zu lei­den.

1817 ge­lang ei­ni­gen Frank­fur­ter Bür­gern und der Sen­cken­ber­gi­schen Stif­tung dann al­ler­dings die Grün­dung der längst über­fäl­li­gen Na­tur­for­schen­den Ge­sell­schaft. Un­ter ih­nen wa­ren nicht nur ei­ne Rei­he der Sen­cken­ber­gi­schen In­sti­tu­te, wie et­wa die Ana­to­mie und der Phy­si­ka­li­sche Ve­r­ein, son­dern auch Jo­hann Wolf­gang von Goe­the - in die­ser Fra­ge wahr­schein­lich auch nur ein Zwerg, der sei­ne Weit­sicht dem be­ein­dru­cken­den Aus­blick von un­se­res Rie­sen Schul­ter ver­dank­te. In den Fol­ge­jah­ren hat sich die heu­ti­ge Sen­cken­berg Ge­sell­schaft für Na­tur­for­schung mit dem Na­tur­mu­se­um oh­ne Zwei­fel selbst zu ei­nem Rie­sen ent­wi­ckelt, der mit viel Weit­blick welt­weit an­er­kann­te For­schungs­leis­tun­gen er­bringt und ei­ner be­geis­ter­ten Öf­f­ent­lich­keit ih­rer­seits Gi­gan­ten aus der Ur­zeit prä­sen­tiert.

1914 wur­de dann mit der Grün­dung der Stif­tungs­u­ni­ver­si­tät in Frank­furt am Main end­lich Sen­cken­bergs Traum vom gro­ßen Tem­pel der Wis­sen­schaft Wir­k­lich­keit. Die in sei­ner Nach­fol­ge ent­stan­de­nen In­sti­tu­te für Ana­to­mie, Pa­tho­lo­gie, Ge­schich­te und Ethik der Me­di­zin, Öko­lo­gie, Evo­lu­ti­on, und Di­ver­si­tät, der Bo­ta­ni­sche und Wis­sen­schafts­gar­ten so­wie die Uni­ver­si­täts­bi­b­lio­thek Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­berg, der Phy­si­ka­li­sche Ve­r­ein und ganz neu die In­sti­tu­te für Chro­no­me­di­zin und Neu­roon­ko­lo­gie sind mit ih­ren im­mer wie­der ‚gi­gan­ti­schen‘ Leis­tun­gen heu­te fes­ter Be­stand­teil der Wis­sen­schaft und For­schung der Uni­ver­si­tät.

Heu­te, 250 Jah­re nach der Grün­dung, ha­ben sich elf Zwer­ge/Zwer­grie­sen/Rie­sen auf Sen­cken­bergs Schul­tern ver­sam­melt, um aus fes­tem Stand Vi­sio­nen vor­an­zu­t­rei­ben, die ver­mut­lich selbst sei­ne Vor­stel­lun­gen weit über­tref­fen. Si­cher wür­de er ger­ne den Ge­schich­ten lau­schen, die von völ­lig neu­en Aus­bli­cken han­deln und nur da­durch mög­lich wur­den, weil der Rie­se in den ge­sam­ten 250 Jah­ren nicht ins Wan­ken ge­kom­men ist. Ein gu­ter Grund mit die­ser Ju­bi­läums­schrift, ei­nem neu­en In­ter­ne­t­auf­tritt und dem Fest­tag auf dem Cam­pus Wes­tend der Goe­the-Uni­ver­si­tät am 18.8.2013 zu fei­ern.