Dr. Senckenbergische Stiftung

Die Institute - Physikalischer Verein

„Wenn Sie zum ers­ten Mal den Sa­turn mit ei­ge­nen Au­gen ge­se­hen ha­ben, dann wis­sen Sie, warum so vie­le Men­schen je­den Frei­tag zu uns kom­men“, freut sich Prof. Dr. Bru­no De­iss, der Wis­sen­schaft­li­che Di­rek­tor des Phy­si­ka­li­schen Ve­r­eins, über die Stern­war­te, die Hauptat­trak­ti­on sei­nes In­sti­tuts. „Vie­le kön­nen es im ers­ten Au­gen­blick gar nicht fas­sen, wie sc­hön die­ser Pla­net ist und dass er tat­säch­lich so aus­sieht, wie wir ihn von Bil­dern ken­nen.“ ‚A­s­tro­no­mie am Frei­tag‘ heißt die Rei­he, die Prof. De­iss und sei­ne Kol­le­gen an­bie­ten. Die be­son­de­re At­trak­ti­on ist an­schlie­ßend der Auf­s­tieg zur 30 Me­ter ho­hen Stern­war­te mit dem Te­les­kop mit drei Me­tern Brenn­wei­te.

‚Phy­sik am Sams­tag‘

Ins­ge­s­amt kom­men über 15 000 Men­schen Jahr für Jahr zur Stern­war­te, um sich bei Vor­trä­gen und Füh­run­gen mit den neu­es­ten Er­kennt­nis­sen der As­tro­no­mie zu be­schäf­ti­gen. „Na­tür­lich kann man sich vie­les auch im In­ter­net an­se­hen oder le­sen“, sagt Prof. De­iss. „Die meis­ten Men­schen wol­len aber ge­ra­de mit an­de­ren Men­schen, die ähn­li­che In­ter­es­sen ha­ben, zu­sam­men­kom­men und sich aus­tau­schen“.

Und dann ist da noch das Te­les­kop, das je­den in den Bann des Wel­talls zieht und Be­o­b­ach­tun­gen von Son­nen­f­le­cken, Mond­k­ra­ter und fer­nen Gas­ne­beln er­mög­licht. Auch sei­ne vie­len jun­gen Fans be­di­ent der Phy­si­ka­li­sche Ve­r­ein im­mer wie­der. Mit dem mo­bi­len Te­les­kop ist er häu­fig im Pal­men­gar­ten un­ter­wegs, um bei der ‚Son­nen­be­o­b­ach­tung un­ter Pal­men‘ schon die Jüngs­ten für die As­tro­no­mie zu be­geis­tern. In en­ger Zu­sam­men­ar­beit mit Schu­len wer­den in Schü­l­er­vor­le­sun­gen, der ‚Phy­sik am Sams­tag', ziel­grup­pen­ge­recht span­nen­de Sach­ver­hal­te ver­mit­telt. Ganz wich­tig ist dem Ve­r­ein die Zu­sam­men­ar­beit mit der Goe­the-Uni­ver­si­tät zur För­de­rung der na­tur­wis­sen­schaft­li­chen und phy­sik­di­dak­ti­schen Aus­bil­dung. Hin­zu kom­men Ver­an­stal­tungs­rei­hen bei der Volks­hoch­schu­le zur As­tro­no­mie so­wie Se­mi­na­re zur Lehr­er­fort­bil­dung.

Der Phy­si­ka­li­sche Ve­r­ein rich­tet sich an die un­ter­schied­lichs­ten ge­sell­schaft­li­chen Grup­pen. Und das hat sei­nen gu­ten Grund, wie Prof. De­iss be­tont. „Vie­le wich­ti­ge ge­sell­schaft­li­che Pro­zes­se ha­ben heu­te ei­nen na­tur­wis­sen­schaft­li­chen Hin­ter­grund – sei es der Aus­s­tieg aus der Ker­n­e­n­er­gie, sei es die fi­nan­zi­el­le För­de­rung von So­la­r­e­n­er­gie. Wer mit­re­den will, braucht so­li­de Kennt­nis­se. Wir ver­ste­hen uns als Ver­mitt­ler kul­tu­rel­ler Bil­dung in den Na­tur­wis­sen­schaf­ten“. Auch bei ei­ner Viel­zahl von Bür­ger­ent­schei­den sei ei­ne der­ar­ti­ge Kom­pe­tenz un­er­läss­lich.

Grün­dung für Me­di­zin und In­du­s­trie

Schon die Grün­dung des Phy­si­ka­li­schen Ve­r­eins 1824 er­folg­te nicht zum Selbstz­weck, son­dern di­en­te grö­ße­ren Zu­sam­men­hän­gen. Der Haupt­grün­der Dr. Chris­ti­an Ernst Neeff war Arzt am Bür­ger­ho­spi­tal der Dr. Sen­cken­ber­gi­schen Stif­tung und sah die Phy­sik und Che­mie, im spe­zi­el­len die ‚E­lek­tro­me­di­zin‘, als wei­te­re Bau­stei­ne ei­ner gu­ten ärzt­li­chen Ar­beit.

Mit dem Drei-Meter-Teleskop erhalten die Besucher beeindruckende Einblicke in den Himmel über Frankfurt
Bernd Ro­se­lieb
Mit dem Drei-Me­ter-Te­les­kop er­hal­ten die Be­su­cher
be­ein­dru­cken­de Ein­bli­cke in den Him­mel über Frank­furt

Die re­gen Wis­sen­schaft­ler um Neeff be­gan­nen so­fort, den Ve­r­eins­mit­g­lie­dern und wei­te­ren in­ter­es­sier­ten Frank­fur­tern Vor­trä­ge über Elek­tri­zi­tät, Akus­tik, Dampf­ma­schi­nen, Luft­schiff­fahrt, Op­tik, As­tro­no­mie und vie­le wei­te­re na­tur­wis­sen­schaft­li­che The­men der da­ma­li­gen Zeit an­zu­bie­ten. Ei­ni­ge Jah­re nach der Grün­dung zog der Phy­si­ka­li­sche Ve­r­ein auf das Areal des Sen­cken­ber­gian­ums am Eschen­hei­mer Turm.

Das ers­te Te­le­fon und der ers­te Wet­ter­be­richt

Das war auch der Ort, an dem Phi­lip Reis 1861 sein ers­tes Te­le­fon prä­sen­tier­te. Wei­te­re Mei­len­stei­ne wa­ren 1835 die Wei­ter­ent­wick­lung des elek­tri­schen Te­le­gra­phen, auf des­sen Sys­te­ma­tik spä­ter Mor­se sein Al­pha­bet auf­bau­te, die Ent­wick­lung der Si­cher­heits­zünd­höl­zer 1848 und die Er­rich­tung der ers­ten Stern­war­te des Ve­r­eins auf dem Turm der Pauls­kir­che, von wo die as­tro­no­mi­sche Orts- und Zeit­be­stim­mung für die Stadt Frank­furt ab 1838 er­folg­te.

Die Frank­fur­ter Bür­ger konn­ten ih­re Uh­ren nach den Zeit­si­g­na­len stel­len, die re­gel­mä­ß­ig vom Phy­si­ka­li­schen Ve­r­ein ka­men. Bis heu­te hat sich er­hal­ten, dass die Orts­ko­or­di­na­ten von Frank­furt auf die Pauls­kir­che be­zo­gen sind. Auch Wet­ter­be­o­b­ach­tun­gen ge­hör­ten von An­fang an zum In­ter­es­se der Ve­r­eins­mit­g­lie­der.

Wöchent­lich er­s­tell­ten sie ab 1826 ei­ne Art Wet­ter­be­richt, den sich Goe­the bis nach Wei­mar schi­cken ließ. An­fang des 20. Jahr­hun­derts ent­stand dar­aus ein Me­te­o­ro­lo­gi­sches In­sti­tut, das mit ei­nem ei­ge­nen Bal­lon Wet­ter­mes­sun­gen in gro­ßer Höhe vor­nahm und längst ei­nen täg­li­chen Wet­ter­be­richt her­aus­gab. Seit die­ser Zeit be­t­reibt der Phy­si­ka­li­sche Ve­r­ein auf dem klei­nen Feld­berg das Tau­nus-Ob­ser­va­to­ri­um, das auch Stand­ort für die zwi­schen­zeit­lich 12 Frei­bal­lo­ne zur Wet­ter­mes­sung wur­de.

Aus den vie­len Fach­rich­tun­gen, die sich zwi­schen­zeit­lich im Phy­si­ka­li­schen Ve­r­ein ge­bil­det hat­ten, wie et­wa der Che­mie, der As­tro­phy­sik, der Phy­si­ka­li­schen Che­mie und der As­tro­no­mie so­wie et­was spä­ter der Theo­re­ti­schen Phy­sik ent­stan­den nach und nach ein­zel­ne In­sti­tu­te, die ei­ne we­sent­li­che Rol­le bei der Grün­dung der Jo­hann Wolf­gang Goe­the-Uni­ver­si­tät 1914 spie­len soll­ten.

Jedes Jahr kommen 15000 Menschen zu der Sternwarte und den Vorträgen von Prof. Dr. Bruno Deiss und seinem Team
Bernd Ro­se­lieb
Je­des Jahr kom­men 15000 Men­schen zu der Stern­war­te
und den Vor­trä­gen von Prof. Dr. Bru­no De­iss und sei­nem Team

Ins­ge­s­amt sie­ben In­sti­tu­te und die Stern­war­te gin­gen - noch bis 1923 durch den Ve­r­ein be­trie­ben - in die neue Uni­ver­si­tät ein. Be­reits 1907 war die Stern­war­te auf den Turm des neu­en Ge­län­des des Phy­si­ka­li­schen Ve­r­eins an sei­nem jet­zi­gen Stand­ort ne­ben dem Na­tur­mu­se­um Sen­cken­berg um­ge­zo­gen.

Hier gab es nun auch den ers­ten öf­f­ent­li­chen Wet­ter­di­enst mit ei­ner al­lers­ten Wet­ter­kar­te. 1923 wur­de im Ge­bäu­de des Phy­si­ka­li­schen Ve­r­eins von Ot­to Stern und Walt­her Ger­lach durch bahn­b­re­chen­de Er­kennt­nis­se in der Atom­phy­sik die Ba­sis für mo­der­ne Er­run­gen­schaf­ten wie die Kern­spin­re­so­nanz­me­tho­de, die Atom­uhr oder et­wa den La­ser ge­legt. Da­für er­hielt Ot­to Stern 1943 den No­bel­preis.

Nach schwe­ren Bom­ben­tref­fern im zwei­ten Welt­krieg muss­te das Ge­bäu­de voll­stän­dig wie­der auf­ge­baut wer­den und konn­te 1960 end­lich die Stern­war­te wie­der in Be­trieb neh­men.

Ge­sell­schaft für Bil­dung und Wis­sen­schaft

Aus sei­ner wech­sel­vol­len Ge­schich­te hat der Ve­r­ein vie­le Eh­ren­mit­g­lie­der wie Kel­vin, Ein­stein, Schwarz­schild und Hahn. Ak­tu­ell ver­zeich­net er 1600 Mit­g­lie­der, vor al­lem in­ter­es­sier­te Lai­en, vie­le Stu­den­ten aber auch zahl­rei­che pro­mi­nen­te Wis­sen­schaft­ler. Er trägt den Bei­na­men ‚Ge­sell­schaft für Bil­dung und Wis­sen­schaft‘, um wei­ter­hin sei­ne Mitt­l­er­rol­le zwi­schen den Na­tur­wis­sen­schaf­ten und der Ge­sell­schaft zu be­kräf­ti­gen. Ein be­son­de­rer Knül­ler für die Mit­g­lie­der ist die Ent­de­ckung von Klein­pla­ne­ten auf dem Ob­ser­va­to­ri­um auf dem klei­nen Feld­berg. „Wir ha­ben schon über 150 aus dem As­te­ro­i­den­gür­tel der Er­de ent­deckt.

Die­se klei­nen Him­mels­kör­per sind aber nicht ganz un­ge­fähr­li­ch“, zeigt De­iss die Nähe zu un­se­rer Wir­k­lich­keit. „Im­mer wie­der kreu­zen ei­ni­ge von ih­nen die Bahn der Er­de und stel­len so po­ten­zi­ell durch­aus ei­ne Ge­fahr für uns dar.“ In den nächs­ten Jah­ren er­folgt nun ei­ne kom­p­let­te Grund­sa­nie­rung des tra­di­ti­ons­rei­chen Ge­bäu­des, das im letz­ten Jahr von der be­nach­bar­ten Sen­cken­berg Ge­sell­schaft für Na­tur­for­schung über­nom­men wur­de. Nach der Sa­nie­rung wird der Phy­si­ka­li­sche Ve­r­ein dort sein um­fang­rei­ches Ver­an­stal­tung­s­pro­gramm wie­der auf­neh­men. „In der Zwi­schen­zeit wird Prof. De­iss mit der mo­bi­len Stern­war­te auf Tour sein und vie­len die Ge­le­gen­heit ge­ben, die Wun­der des Wel­talls mit ei­ge­nen Au­gen zu se­hen.