Dr. Senckenbergische Stiftung

Die Institute - Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung

1817 von ei­ni­gen Me­di­zi­nern und wohl­ha­ben­den Frank­fur­ter Bür­gern ge­grün­det, fand die Sen­cken­ber­gi­sche Na­tur­for­schen­de Ge­sell­schaft Platz auf dem Ge­län­de der Dr. Sen­cken­ber­gi­schen Stif­tung am Eschers­hei­mer Turm. Die heu­ti­ge Sen­cken­berg Ge­sell­schaft für Na­tur­for­schung hat an der Sen­cken­berg­an­la­ge in Frank­furt ih­ren Haupt­sitz. Dort be­fin­det sich das größ­te der in­zwi­schen drei Sen­cken­berg-Na­tur­mu­se­en mit den welt­weit be­kann­ten Sau­ri­ers­ke­let­ten und Tier­präpa­ra­ten. Ins­ge­s­amt ar­bei­ten an den zehn Stand­or­ten der Ge­sell­schaft et­wa 800 Per­so­nen, dar­un­ter 300 Wis­sen­schaft­ler, die bei Ex­pe­di­tio­nen in die gan­ze Welt Er­kennt­nis­se aus der Ver­gan­gen­heit oder aus der uns noch un­be­kann­ten Ge­gen­wart zu­ta­ge för­dern. Nicht zu­letzt durch die­se um­fang­rei­che Ex­pe­di­ti­on­s­tä­tig­keit über fast 200 Jah­re hin­weg be­her­bergt Sen­cken­berg heu­te die größ­te deut­sche For­schungs­samm­lung mit mehr als 38 Mil­lio­nen Ob­jek­ten.

Pa­läon­to­lo­gie und Um­welt­schutz

„Zwei star­ke Ent­wick­lungs­pha­sen ha­ben un­se­re In­sti­tu­ti­on und un­se­re Mu­se­en his­to­risch ge­prägt. Die äl­te­re hat sich vor al­lem der Er­for­schung der Er­de und Erd­ge­schich­te bis hin zu der Ent­wick­lung des Men­schen ge­wid­met“, er­läu­tert Prof. Dr. Dr. h.c. Mos­brug­ger, „wäh­rend die ak­tu­el­le­re so­zu­sa­gen den Um­welt­schutz und die nach­hal­ti­ge Nut­zung der Na­tur im Fo­kus hat.

Prof. Dr. Dr. h.c. Volker Mosbrugger und sein Team lernen, die Komplexität der Erde zu verstehen
Bernd Ro­se­lieb
Prof. Dr. Dr. h.c. Vol­ker Mos­brug­ger und sein Team
ler­nen, die Kom­ple­xi­tät der Er­de zu ver­ste­hen

Übe­rall ve­r­än­dert der Mensch die Na­tur. Be­trof­fen sind die Pflan­zen, die Tie­re und die Öko­sys­te­me. Wir zei­gen die Kon­se­qu­en­zen.“ So kön­nen sich die Be­su­cher nicht nur auf die Welt der Pa­läon­to­lo­gie mit Ein­bli­cken in die geo­lo­gi­schen Pro­zes­se von vie­len Mil­lio­nen Jah­ren Erd­ge­schich­te freu­en, son­dern auch im­mer wie­der auf neu ent­deck­te Ar­ten, – nicht nur aus den Tie­fen der Ozea­ne oder an­de­ren ent­le­ge­nen Win­keln der Er­de.

Bür­ger­in­i­tia­ti­ve grün­det Na­tur­for­schen­den Ve­r­ein

Ei­ni­ge Frank­fur­ter Bür­ger em­pör­ten sich 1817 über den ro­hen Um­gang mit ei­nem bei der Mes­se in Frank­furt prä­sen­tier­ten See­hund, der am En­de jäm­mer­lich ve­r­en­de­te. Sie ga­ben des­halb den An­stoß für ei­nen Na­tur­for­schen­den Ve­r­ein. Zwei Leh­rer der Sen­cken­ber­gi­schen Ana­to­mie, die Dok­to­ren Cretz­sch­mar und Neu­burg, so­wie Jo­hann Wolf­gang von Goe­the konn­ten die Dr. Sen­cken­ber­gi­sche Stif­tung von ih­rem Plan über­zeu­gen. Es ent­stan­den der Ve­r­ein und ein Na­tur­mu­se­um auf dem Stif­tungs­ge­län­de am Eschers­hei­mer Tor. Die dor­ti­ge be­schei­de­ne na­tur­his­to­ri­sche Samm­lung so­wie ei­nen be­trächt­li­chen Be­stand an na­tur­wis­sen­schaft­li­chen Büchern gab die Stif­tung dem neu­en Ve­r­ein als Start­ka­pi­tal mit auf den Weg. Bald schon brach­ten die ers­ten For­schungs­ex­pe­di­tio­nen au­ßer­ge­wöhn­li­che Na­tur­schät­ze nach Frank­furt, so dass im­mer mehr wohl­ha­ben­de Bür­ger die Na­tur­for­scher un­ter­stütz­ten. Ge­ra­de die­se Bür­ger­be­tei­li­gung, heu­te „Ci­ti­zen Sci­en­ce“ ge­nannt, war ein wich­ti­ges Fun­da­ment für die heu­te welt­weit an­er­kann­te heu­ti­ge Sen­cken­berg Ge­sell­schaft für Na­tur­for­schung mit Haupt­sitz an der Sen­cken­berg­an­la­ge in Frank­furt und Stand­or­ten in ganz Deutsch­land.

Auch die Er­de kann - aus men­sch­li­cher Sicht - krank wer­den

„Im Grun­de ar­bei­ten wir wie Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­ber­g“, er­läu­tert Prof. Mos­brug­ger die Nähe zum gro­ßen Frank­fur­ter Stadt­arzt und Stif­ter: „Ihm ging es um das grund­sätz­li­che Ver­ständ­nis der Er­kran­kun­gen des Men­schen bis zu sei­ner Hei­lung. Er woll­te die Ärz­te sei­ner Zeit bes­ser aus­bil­den, ih­nen mit wis­sen­schaft­li­cher For­schung Zu­sam­men­hän­ge auf­zei­gen, sie zu ei­nem ganz­heit­li­chen Den­ken be­we­gen. Wir tun im Grun­de nichts an­de­res, al­ler­dings ist un­ser For­schungs­ge­gen­stand der be­leb­te Pla­net Er­de.“ Aus der Sicht des Men­schen kön­ne auch die Er­de krank wer­den, wenn sie näm­lich die für un­ser Über­le­ben wich­ti­gen Res­sour­cen und „Öko­sys­tem­di­enst­leis­tun­gen“ nicht mehr in aus­rei­chen­dem Um­fang zur Ver­fü­gung stel­le. Auch die Er­de müs­se ge­wis­ser­ma­ßen als ein Or­ga­nis­mus be­trach­tet wer­den, der gepf­legt wer­den wol­le, wenn er die für den Men­schen not­wen­di­gen Le­bens­grund­la­gen be­reit­s­tel­len sol­le.

„Die Er­de ist ein Hy­per­or­ga­nis­mus aus vie­len Mil­lio­nen Or­ga­nis­men und ih­ren Le­bens­räu­men. Die­se Kom­ple­xi­tät müs­sen wir ver­ste­hen“, be­sch­reibt Prof. Mos­brug­ger die Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne nach­hal­ti­ge Nut­zung der Na­tur. „Neue­re Un­ter­su­chun­gen zei­gen: der Mensch braucht ei­ne ge­sun­de Na­tur, nur dann ist auch er ge­sund. Wir müs­sen er­grün­den, wel­che Rol­le der Mensch in dem grö­ße­ren Gan­zen spielt und an wel­cher Stel­le er be­ginnt, sich selbst zu schä­d­i­gen.“ An die­ser Stel­le wird, so Mos­brug­ger, auch der Un­ter­schied zu Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­berg deut­lich. „Er war ei­ne fas­zi­nie­ren­de Per­sön­lich­keit des 18. Jahr­hun­derts. Er hat­te ei­ne Vi­si­on, die bis heu­te trägt. Die Na­tur sah er aber vor al­lem als Apo­the­ke. Mit sei­nem Arzn­ei­mit­tel­gar­ten und sei­nem La­bor woll­te er die na­tür­li­chen Kräf­te für den Men­schen nutz­bar ma­chen.“

Rei­sen in die Ver­gan­gen­heit - um die Ge­gen­wart zu ver­ste­hen

Die Na­tur­for­schung heu­te sei hin­ge­gen Sys­tem­for­schung, die sich auf welt­weit ge­sam­mel­te In­for­ma­tio­nen stüt­ze, um glo­ba­le Mo­del­le zu ent­wi­ckeln. Nur so las­se sich die Kom­ple­xi­tät der Er­de ab­bil­den. Die nö­t­i­gen In­for­ma­tio­nen er­hal­ten die For­scher et­wa durch die heu­te weit ent­wi­ckel­te Sa­tel­li­ten­tech­nik, die sie bei­spiels­wei­se bei der Kli­ma­for­schung un­ter­stützt. „Un­er­läss­lich für das Ver­ständ­nis un­se­re Er­de sind au­ßer­dem Rei­sen in die Ver­gan­gen­heit. Un­se­re Pa­läon­to­lo­gen er­for­schen die Jahr­mil­lio­nen der Erd­ge­schich­te, ana­ly­sie­ren Fos­si­li­en und geo­lo­gi­sche Ent­wick­lung­s­pro­zes­se und ler­nen so viel über un­se­re Ge­gen­wart und Zu­kunft.“ Ei­ne fast un­glaub­li­che Viel­falt re­zen­ter Ar­ten steht im Mit­tel­punkt der Er­for­schung der Erd-Ge­gen­wart. Es ist die „World of Bio­di­ver­si­ty“, die die For­scher fas­zi­niert und zu Ex­pe­di­tio­nen zu den tiefs­ten Stel­len der Ozea­ne und den höchs­ten Ber­gen treibt. „Die Ent­de­ckung neu­er Ar­ten ist da­bei ein wich­ti­ger Teil un­se­rer Ar­beit“, er­läu­tert Mos­brug­ger.

Jähr­lich 10.000 neue Ar­ten welt­weit

Des­halb sind Sen­cken­berg-Wis­sen­schaft­ler mit ih­ren Ex­pe­di­tio­nen übe­rall auf der Er­de un­ter­wegs, von der Nord­see und dem Mit­tel­meer bis nach Südo­s­ta­si­en, Mit­tel- und Süda­me­ri­ka und übe­rall im ara­bi­schen Raum. An­lass für die Ex­pe­di­tio­nen sind häu­fig ganz kon­k­re­te For­schungs­in­ter­es­sen, wie et­wa die Er­for­schung au­ßer­ge­wöhn­li­cher Tief­see-Öko­sys­te­me. „Am wich­tigs­ten ist un­se­re Neu­gier“, be­tont Mos­brug­ger. „Wir wis­sen oft gar nicht, was uns er­war­tet. Fast al­les, was wir aus den Oze­an­tie­fen her­vor­ho­len, ist neu.“ Und die Ex­pe­di­tio­nen loh­nen sich. „Pro Jahr fin­den wir fast 300 neue Ar­ten, welt­weit wer­den et­wa 10.000 ent­deckt. Wir schät­zen, dass es un­ge­fähr zehn bis 100 Mil­lio­nen Ar­ten auf der Er­de gibt, von de­nen wir knapp zwei Mil­lio­nen ken­nen.“

Ein echtes Familienmuseum: das Senckenberg Naturmuseum mit den Saurierskeletten und der prächtigen Vogelsammlung
Bernd Ro­se­lieb
Ein ech­tes Fa­mi­li­en­mu­se­um: das Sen­cken­berg Na­tur­mu­se­um
mit den Sau­ri­ers­ke­let­ten und der präch­ti­gen Vo­gel­samm­lung

Auch für die­se Le­be­we­sen ist die „Me­di­zin der Er­de“ von gro­ßer Be­deu­tung, ver­schwin­den doch täg­lich be­reits über 100 Ar­ten auf­grund an­thro­po­ge­ner glo­ba­ler Ve­r­än­de­run­gen. Doch warum die­se täg­li­che Puzz­le­ar­beit, die Su­che nach im­mer neu­en Spiel­ar­ten des Le­bens? „Durch die un­glaub­lich vie­len An­pas­sungs­ar­ten der Or­ga­nis­men kön­nen wir ei­ni­ges über un­se­re Welt ler­nen. Nur so ver­ste­hen wir wir­k­lich die Wech­sel­wir­kun­gen zwi­schen den Or­ga­nis­men und ih­rer Um­welt und schaf­fen die Ba­sis für ei­ne nach­hal­ti­ge Nut­zung der Na­tur und ei­ne wir­kungs­vol­le ‚Me­di­zin der Er­de’.“