Dr. Senckenbergische Stiftung

Die Institute - Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg

Die Grund­la­gen der heu­ti­gen Uni­ver­si­täts­bi­b­lio­thek bil­de­ten im We­sent­li­chen
die 1483 ge­grün­de­te Rats­bi­b­lio­thek (spä­ter Stadt­bi­b­lio­thek) so­wie die von dem Frank­fur­ter Arzt Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­berg auf­ge­bau­te Bücher­samm­lung, die nach sei­nem Tod zu­nächst Teil sei­ner Stif­tung wur­de. Sen­cken­berg hat­te als ei­ner der ers­ten Me­di­zi­ner ver­stan­den, wie wich­tig der Zu­sam­men­hang zwi­schen wis­sen­schaft­li­cher Er­kennt­nis und prak­ti­scher Ar­beit ist und das Ge­sund­heits­we­sen sei­ner Zeit da­mit er­heb­lich wei­ter­ent­wi­ckelt. Die von ihm selbst auf­ge­bau­te Bi­b­lio­thek ist in ei­ner sehr wech­sel­vol­len Ge­schich­te Teil der heu­ti­gen Uni­ver­si­täts­bi­b­lio­thek, die seit dem end­gül­ti­gen Zu­sam­men­schluss 2005 den Na­men des Frank­fur­ter Stif­ters trägt: Uni­ver­si­täts­bi­b­lio­thek Jo­hann Chris­ti­an Sen­cken­berg.

Je­g­li­che Ver­men­gung mit „Stadt­sa­chen“ aus­ge­sch­los­sen

Bei Grün­dung der Uni­ver­si­tät (1914) wur­de auf die Er­rich­tung ei­ner neu­en Uni­ver­si­täts­bi­b­lio­thek ver­zich­tet. An ih­rer Stel­le wur­de den ver­schie­de­nen vor­han­de­nen Bi­b­lio­thek­s­ein­rich­tun­gen (Stadt­bi­b­lio­thek, Roth­schild’sche Bi­b­lio­thek und Sen­cken­ber­gi­sche Bi­b­lio­thek) die Auf­ga­be ei­ner Uni­ver­si­täts­bi­b­lio­thek zu­sätz­lich zu­ge­wie­sen.

Dr. h. c. Berndt Dugall, Direktor der Universitätsbibliothek
Bernd Ro­se­lieb
Dr. h. c. Berndt Du­gall, Di­rek­tor der Uni­ver­si­täts­bi­b­lio­thek

Nach dem zwei­ten Welt­krieg wur­de das „En­sem­b­le“ dann noch um die Bi­b­lio­thek für Kunst und Tech­nik, die Me­di­zi­ni­sche Zen­tral­bi­b­lio­thek so­wie die Be­stän­de des Mans­kopf­schen Mu­se­ums für Mu­sik und Thea­ter­ge­schich­te er­gänzt.

Mit dem Be­zug des sein­er­zei­ti­gen Neu­baus an der Bo­cken­hei­mer War­te wur­de auch die bis da­to in der Sen­cken­berg­an­la­ge un­ter­ge­brach­te Sen­cken­ber­gi­sche Bi­b­lio­thek rä­um­lich ein Teil der Uni­ver­si­täts­bi­b­lio­thek (1965). Ur­sa­che für die­se lang an­hal­ten­de Tren­nung war das Te­s­ta­ment Sen­cken­bergs, in dem er für die von ihm 1763 ge­grün­de­te Stif­tung ver­fügt hat­te, dass „je­g­li­che Ver­men­gung mit Stadt­sa­chen“ auf al­le Zeit aus­ge­sch­los­sen sein müs­se.

Sen­cken­berg hat­te schon zu Leb­zei­ten über 10.000 Bücher er­wor­ben und die­se nach ei­ge­nen Kri­te­ri­en ge­ord­net und oft auch kom­men­tiert. Die­se wa­ren we­sent­li­cher Teil sei­nes Kon­zep­tes, das auf ei­ne kon­se­qu­en­te Durch­mi­schung von Wis­sen­schaft und For­schung so­wie prak­ti­scher An­wen­dung ab­ziel­te.

Das er­wa­chen­de In­ter­es­se an den Na­tur­wis­sen­schaf­ten im 19. Jahr­hun­dert führ­te zur Grün­dung wei­te­rer Ve­r­ei­ne und Ge­sell­schaf­ten (Phy­si­ka­li­scher Ve­r­ein, Sen­cken­ber­gi­sche Na­tur­for­schen­de Ge­sell­schaft), de­ren Bi­b­lio­theks­be­stän­de mit dem Be­stand der Stif­tung nach und nach un­ter der Be­zeich­nung Sen­cken­ber­gi­sche Bi­b­lio­thek zu­sam­men­ge­legt wur­den. Un­ter den Be­din­gun­gen der Uni­ver­si­täts­grün­dung 1914 wur­de die Bi­b­lio­thek dann für die Be­rei­che Me­di­zin und Na­tur­wis­sen­schaf­ten zu­stän­dig.

Auch die In­te­g­ra­ti­on in den sein­er­zei­ti­gen Neu­bau der Stadt- und Uni­ver­si­täts­bi­b­lio­thek konn­te die or­ga­ni­sa­to­ri­sche Tren­nung nicht über­win­den, da zwar die Uni­ver­si­tät 1967 in die Trä­ger­schaft des Lan­des über­führt wur­de, die Stadt- und Uni­ver­si­täts­bi­b­lio­thek je­doch bei der Stadt Frank­furt ver­b­lieb.

Erst mit dem so­ge­nann­ten Kul­tur­ver­trag zwi­schen Stadt Frank­furt am Main und Land Hes­sen aus dem Jahr 1999 wur­den al­le noch bei der Stadt ver­b­lie­be­nen hoch­schul­spe­zi­fi­schen Auf­ga­ben neu ge­ord­net und in die­sem Zu­sam­men­hang auch die Stadt- und Uni­ver­si­täts­bi­b­lio­thek un­ter dem Dach der Goe­the-Uni­ver­si­tät in die Trä­ger­schaft des Lan­des Hes­sen über­führt. Dies war gleich­zei­tig die Chan­ce, auch die Sen­cken­ber­gi­sche Bi­b­lio­thek zu in­te­grie­ren, da der Vor­be­halt des Sen­cken­ber­gi­schen Te­s­ta­ments ja jetzt nicht mehr zu­traf.

Breit auf­ge­s­tellt – ganz im Sin­ne Sen­cken­bergs

Heu­te sind die Be­stän­de der Uni­ver­si­täts­bi­b­lio­thek mit ins­ge­s­amt über neun Mil­lio­nen Büchern, Zeit­schrif­ten und di­gi­ta­len Da­tei­en über die vier Stand­or­te der Uni­ver­si­tät am Cam­pus Wes­tend mit den Schwer­punk­ten Geis­tes­wis­sen­schaf­ten, So­zial­wis­sen­schaf­ten so­wie Recht und Wirt­schaft, dem Cam­pus Nie­der­rad/Uni­ver­si­täts­k­li­ni­kum, dem na­tur­wis­sen­schaft­li­chen Cam­pus Ried­berg und dem ur­sprüng­li­chen Cam­pus Bo­cken­heim mit der Zen­tral­bi­b­lio­thek ver­teilt. Ak­ti­ve Nut­zer zähl­te die Bi­b­lio­thek im letz­ten Jahr fast 55.000.

Die Zahl der Son­der­sam­mel­ge­bie­te, die die Bi­b­lio­thek im Auf­trag der Deut­schen For­schungs­ge­mein­schaft be­t­reibt, ist um­fang­reich und breit auf­ge­s­tellt. Ne­ben den Li­te­ra­tur­wis­sen­schaf­ten, der Lin­gu­is­tik und der Ger­ma­nis­tik, ge­hö­ren die Bio­lo­gie so­wie Thea­ter und Film­kunst, das Ju­den­tum, Is­ra­el so­wie Ozea­ni­en und Afri­ka da­zu. Die welt­weit zu die­sen The­men er­schei­nen­de Li­te­ra­tur wird von der Uni­ver­si­tät für al­le Nut­zer in Deutsch­land ge­sam­melt und be­reit­ge­hal­ten. So ist sie Teil ei­ner auf zahl­rei­che von der DFG be­auf­trag­te Stand­or­te ver­teil­ten in­ter­na­tio­nal aus­ge­rich­te­ten Na­tio­nal­bi­b­lio­thek.

„Die Brei­te un­se­res An­ge­bots ent­spricht sehr dem Sen­cken­ber­gi­schen Den­ken“, ist sich der Di­rek­tor der Uni­ver­si­täts­bi­b­lio­thek Dr. h. c. Berndt Du­gall der ide­el­len Nähe zum Stif­ter si­cher. „Die In­te­g­ra­ti­on al­ler Fächer zu ei­nem ganz­heit­li­chen An­satz war für ihn ele­men­tar. Er konn­te sich ei­ne Ver­bes­se­rung der Ge­sund­heits­ver­sor­gung nur vor­s­tel­len, wenn die prak­ti­sche Ar­beit für die Pa­ti­en­ten mit ei­ner in­ten­si­ven For­schung ver­knüpft wür­de.“ Dr. Du­gall ist über­zeugt, dass Sen­cken­berg sei­ner Zeit mit die­sem An­satz um ei­ni­ges vor­aus war.

Be­ein­dru­cken­de Ta­ge­bücher

Wie recht er da­mit hat, sol­len die für ihn zur­zeit span­nends­ten Bücher zei­gen, die die Uni­ver­si­täts­bi­b­lio­thek be­her­bergt: Sen­cken­bergs Ta­ge­bücher. „Die 53 Ta­ge­bücher mit über 35 000 Sei­ten la­gern schon seit Jahr­zehn­ten hier bei uns. Bis­her konn­te sie aber nie­mand le­sen.

Zum Ju­bi­läum von Sen­cken­bergs Ge­burts­tag im Jahr 2007 ha­ben wir be­sch­los­sen, es er­neut an­zu­pa­cken.“ Gel­der der Dr. Sen­cken­ber­gi­schen Stif­tung mach­ten es mög­lich, und mit Dr. Ve­ro­ni­ka Mar­schall wur­de ei­ne Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin ge­fun­den, die tat­säch­lich ers­te Pro­ben ent­zif­fern konn­te. Bis heu­te hat sie die Bän­de 42, 44 und 45 aus den Jah­ren 1762 und 1763 über­setzt.

Ein besonderer Schatz von Dr. Angela Hausinger und Dr. h. c. Berndt Dugall sind die Senckenberg-Tagebücher
Bernd Ro­se­lieb
Ein be­son­de­rer Schatz von Dr. An­ge­la Hau­sin­ger
und Dr. h. c. Berndt Du­gall sind die Sen­cken­berg-Ta­ge­bücher

Ob die Bücher wohl auch preis­ge­ben, warum der so tra­gisch vom Schick­sal ge­beu­tel­te Arzt so viel ge­schrie­ben hat? „Vi­el­leicht war er nach dem Tod von drei Ehe­frau­en und zwei Kin­dern ein ein­sa­mer Men­sch“, ver­mu­tet Dr. h. c. Berndt Du­gall. „Die Bücher könn­ten so et­was wie Selbst­ge­spräche in Er­man­ge­lung an­de­rer Ge­spräch­s­part­ner ge­we­sen sein.“ Ganz si­cher woll­te er kein Do­ku­ment für die Nach­welt er­s­tel­len. Doch die kann nun bald ganz von sei­nem Fleiß pro­fi­tie­ren, wie auch in der Uni­ver­si­täts­bi­b­lio­thek un­zäh­l­i­ge Ge­ne­ra­tio­nen von Stu­den­ten vom men­schen­f­reund­li­chen und wis­sen­schaft­lich prak­ti­schen Den­ken des gro­ßen Frank­fur­ters ge­prägt wer­den.